Wat mengs du ? – Was Menschen hilft, gesund zu bleiben
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Trotz aller Fortschritte in Medizin und Psychiatrie bleibt eine Frage oft unbeantwortet: Wie entsteht eigentlich Gesundheit? In seinem Alltag als Psychiater hat Dr Liron Pepshi erlebt, dass wir zu sehr darauf fokussiert sind, Krankheit zu erklären, und zu wenig darauf, wie Menschen langfristig gesund und widerstandsfähig bleiben können. Eine Carte Blanche.
Als ich aus dem Kosovo nach Deutschland kam, um meine Weiterbildung in Psychiatrie und Psychotherapie zu beginnen, stellte ich mir viele Fragen. Eine jedoch nicht: Wie entsteht Krankheit? Mich interessierte, wie psychische Erkrankungen entstehen, welche Ursachen sie haben und wie man Symptome erklärt und behandelt. Die Pathogenese, also die Lehre von der Entstehung von Krankheit, war der selbstverständliche Ausgangspunkt meines Denkens.
Geprägt von der klassischen deutschsprachigen Psychiatrie und Psychologie, von Freud über Jung bis Jaspers, wollte ich verstehen, was Menschen krank macht. Ich hatte das Privileg, nicht nur Fachliteratur im Original zu studieren, sondern auch in verschiedenen Kliniken von erfahrenen Psychiatern zu lernen. Krankheit stand im Mittelpunkt. Gesundheit war meist nur das, was übrig blieb, wenn Symptome verschwanden.
"Gesundheit ist kein stabiler Zustand, den man einmal erreicht und dann behält. Sie ist ein dynamischer Prozess."
Dr Liron Pepshi, Psychiater
Ein später Perspektivwechsel
Erst Jahre später begegnete mir eine andere Frage: Wie entsteht Gesundheit? Die Antwort fand ich im Konzept der Salutogenese, entwickelt vom Medizinsoziologen Aaron Antonovsky. Wirklich greifbar wurde sie jedoch durch einen ärztlichen Vortragsredner und meinen späteren Coach. Er war über siebzig Jahre alt, an Krebs erkrankt und dennoch voller Energie, Klarheit und Lebensfreude. Seine Haltung stellte mein bisheriges Denken leise, aber nachhaltig infrage.
Erstaunlich ist, wie randständig die Salutogenese bis heute geblieben ist. Weder im Medizinstudium noch im klinischen Alltag nimmt sie einen zentralen Platz ein. Das gilt unabhängig davon, ob man in einer postkriegsgeprägten Gesellschaft wie dem Kosovo beginnt, in Deutschland die klassische Psychiatrie studiert, in Luxemburg klinische Erfahrung sammelt oder sogar in den Vorlesungssälen renommierter Universitäten wie Harvard über mentale Gesundheit diskutiert, ohne sie wirklich zu leben. Gleichzeitig steigen europaweit die Zahlen psychischer Erkrankungen kontinuierlich. Vielleicht ist das kein Zufall.
Gesundheit ist kein stabiler Zustand, den man einmal erreicht und dann behält. Sie ist ein dynamischer Prozess. Wir alle bewegen uns ständig zwischen Belastung und Stabilität. Stressoren gehören zum Alltag, innere wie Mangelzustände oder Infekte, äußere wie Leistungsdruck, Konflikte oder banale Störungen des täglichen Lebens.
Antonovsky zeigte, dass nicht die Belastung selbst entscheidend ist, sondern wie Menschen sie einordnen und bewältigen. Sein Modell beruht auf drei Elementen: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit. Verstehbarkeit bedeutet, Ereignisse einordnen zu können und emotionale Distanz zu gewinnen.
Handhabbarkeit beschreibt das Vertrauen, über ausreichende Ressourcen zu verfügen, eigene Fähigkeiten, soziale Unterstützung und hilfreiche Erfahrungen zu nutzen. Sinnhaftigkeit schließlich ist das zentrale Element. Sie verleiht dem Erlebten Bedeutung und schafft Motivation, auch schwierige Situationen aktiv zu gestalten.
Dr Liron Pepshi
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Dr. Liron Pepshi ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit langjähriger therapeutischer und organisatorischer Erfahrung in Deutschland und Luxemburg.
Er ist Koordinator des Suchtbereichs am Centre Hospitalier Neuro-Psychiatrique (CHNP) und setzt sich darüber hinaus dafür ein, mentale Gesundheit, Resilienz und individuelle Ressourcen in der Gesellschaft zu stärken.
Sein Ansatz ist geprägt von einem salutogenetischen Blick auf Gesundheit, der den Fokus nicht nur auf Krankheit, sondern auf Orientierung, Sinn und Stabilität im Alltag richtet.
Mehr als Resilienz
Häufig wird Resilienz betont. Doch Resilienz allein reicht oft nicht aus. Sie hilft, Belastungen auszuhalten. Salutogenese hingegen hilft, langfristig gesund zu bleiben. Sie verändert den Blick auf das Leben, weg vom reinen Durchhalten, hin zu Orientierung, Sinn und innerer Beteiligung.
Für mich persönlich hat dieser Perspektivwechsel nicht nur meine ärztliche Tätigkeit in Deutschland und Luxemburg verändert, sondern auch meine Arbeit in leitender Funktion. Salutogenese ist kein Werkzeug, das man einfach anwendet. Sie ist ein Lernprozess, der Zeit, Geduld und bewusste Übung erfordert.
Achtsamkeit, soziale Unterstützung, Selbstreflexion, Schreiben, gesunde Gewohnheiten und Entspannung können diesen Prozess fördern. Entscheidend ist jedoch etwas Grundlegenderes: eine ruhige und sichere Atmosphäre zu schaffen, für sich selbst und für andere. Erst dann wird es möglich, Ressourcen zu erkennen, Perspektiven zu wechseln und Sinn zu finden.
Vielleicht lohnt es sich, den Blick umzudrehen: nicht nur im persönlichen Alltag, sondern auch im Gesundheitssystem, indem wir uns neben der Frage, warum Menschen krank werden, endlich auch fragen, was sie stark, widerstandsfähig und lebendig hält.
Wat mengs du ?
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