Wat mengs du? - Chronik einer Sozialarbeiterin im Angesicht des Wohnungsnotstands
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Laut der Weltgesundheitsorganisation ist eine angemessene Wohnung eine Grundvoraussetzung für ein gesundes Leben. Doch was bleibt von diesem Grundsatz übrig, wenn der Zugang zu einer Wohnung unsicher oder gar unerreichbar wird? Für eine wachsende Zahl von Menschen bedeutet das Leben in Luxemburg heute vor allem: durchhalten, sich anpassen, überleben. Das bringt die Sozialarbeiterin Annick Neven in ihrer Carte Blanche zum Ausdruck.
In Luxemburg ist die Wohnungskrise nicht mehr zu übersehen. Sie zieht sich mittlerweile durch alle Gesellschaftsschichten. Die Medien berichten immer häufiger von Menschen in Wohnungsnot, prangern zu hohe Mieten an und fordern die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Die politischen Antworten sprechen von finanziellen Hilfen, der Mobilisierung von leerstehenden Wohnungen oder der Beschleunigung von Bauvorhaben.
Doch hinter diesen weitgehend geteilten Feststellungen bleibt eine dumpfere Realität bestehen: der Alltag von Menschen, die mit einer Kündigung ihres Mietvertrags konfrontiert sind. Als Sozialarbeiterin erlebe ich jeden Tag den Beginn einer unsichtbaren und zugleich zermürbenden Notlage: Eine Mitteilung über die Kündigung des Mietvertrags, und alles gerät aus den Fugen. Die gesetzlich vorgeschriebene Kündigungsfrist von drei oder sechs Monaten mag auf den ersten Blick vernünftig erscheinen. In Wirklichkeit markiert sie den Beginn eines Wettlaufs gegen die Zeit.
Eine Wohnung in Luxemburg zu finden ist längst keine einfache Angelegenheit mehr, sondern eine Prüfung. Die Konkurrenz ist riesig, die Kriterien werden immer strenger. Ein unbefristeter Arbeitsvertrag reicht nicht mehr aus. Immobilienagenturen verlangen ein Einkommen, das dem Dreifachen der Miete entspricht, und eine "ideale" Familiensituation. Alleinerziehende, Haushalte mit geringem Einkommen, Familien mit Kindern oder Tieren werden oft von vornherein ausgeschlossen. Jedes Kind soll ein eigenes Zimmer haben, eine Forderung, die einen Teil der "working poor" aus dem Mietmarkt drängt. Es spielt keine Rolle, dass sich Doppelverdienerpaare von einem Tag auf den anderen trennen können oder dass ein hohes Einkommen keine Garantie für ein besseres Finanzmanagement ist: Es zählt nur die Kreditwürdigkeit. Es beginnt eine verzweifelte Suche: Anzeigen durchsehen, Bewerbungen verschicken, auf eine Antwort warten. Und dann noch einmal. Immer und immer wieder.
"Als Sozialarbeiterin erlebe ich jeden Tag den Beginn einer unsichtbaren und zugleich zermürbenden Notlage: eine Mitteilung über die Kündigung des Mietvertrags, und alles gerät ins Wanken."
Annick Neven
Ich sehe, wie Menschen ankommen, die noch Hoffnung haben. Dann, im Laufe der Wochen, schwindet diese Hoffnung. Jede Ablehnung wiegt schwer. Im Hintergrund nehmen der psychische Druck und die Ängste überhand: Was passiert, wenn ich nicht innerhalb der Frist eine Wohnung finde? Die Suche in der bisherigen Wohngemeinde scheint kaum erfolgreich zu sein - wie werden die Kinder auf den Schulwechsel reagieren, auf die Aufgabe außerschulischer Aktivitäten, ihrer Freunde, ihres Gleichgewichts? Können die neuen Kinderbetreuungseinrichtungen freie Plätze garantieren? Ist die neue Wohnung gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden? Wird sie es mir ermöglichen, meine Arbeitszeiten einzuhalten? Wie reagiere ich, wenn der Vermieter mich erneut kontaktiert, um die Wohnungsübergabe zu regeln? Bin ich verpflichtet, vor Gericht zu gehen? Was kann ich tun, wenn mir Anwalts- und Umzugskosten entstehen, die ich nicht bezahlen kann? Eine Wohnung in Würde zu verlassen, ohne Konflikte oder Verfahren vor dem Friedensrichter, sollte die Norm sein. Heute wird dies zur Ausnahme.
Zu diesen Fragen kommt eine erdrückende psychische Belastung hinzu. Schlafmangel, Dauerstress, Angst vor dem Versagen, Scham. Dieses Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, zu sehen, wie sich die eigene Situation trotz aller Bemühungen verschlechtert.
Angesichts dieser Situationen tun wir, was wir können. Wir hören zu, wir begleiten, wir bestätigen die Notlage. Aber man muss es klar sagen: Es fehlt an Lösungen. Die Wartelisten für eine Sozialwohnung erstrecken sich über Jahre. Die Strukturen der sogenannten "Notunterkünfte" sind überlastet. Daher finde ich mich oft dabei wieder, das Gleiche zu sagen: Sucht weiter, gebt nicht auf. Ich sage das, obwohl ich weiß, wie leer diese Worte klingen.
Ich empfehle, vollständigere und persönlichere Unterlagen vorzubereiten: Gehaltsabrechnungen, Verträge, Auszüge aus dem Sparkonto, Diplome/Ausbildungsnachweise, Anmeldungen zu außerschulischen Aktivitäten, Nachweise über regelmäßige Mietzahlungen. Alles wird zum Argument, um auf einem Markt zu bestehen, auf dem man sich unter unzähligen Bewerberinnen und Bewerbern hervorheben muss.
Annick Neven
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Annick Neven ist Sozialarbeiterin in Luxemburg und hat ihre Ausbildung in Brüssel gemacht. Sie arbeitet seit zehn Jahren in der Begleitung von Menschen, die mit prekären Situationen konfrontiert sind. Ihre Rolle führt sie dazu, Einzelpersonen und Familien bei komplexen sozialen Schwierigkeiten, insbesondere im Zusammenhang mit der Wohnungssituation, zu unterstützen.
Mit dieser Carte blanche möchte sie diesen oft unsichtbaren Realitäten eine Stimme verleihen und über die täglichen Grenzen berichten, mit denen sie und ihre Kolleginnen und Kollegen konfrontiert sind.
Aber dieser Druck führt auch dazu, dass man das Inakzeptable akzeptiert. Ich sehe Menschen, die bereit sind, unhygienische Wohnungen zu beziehn, überhöhte Mieten zu zahlen, die an den Verbraucherpreisindex gekoppelte Klausel zur Mieterhöhung nicht vorher anzufechten und illegale Bedingungen zu akzeptieren: zu hohe Kautionen/Vermittlungsgebühren, Mietvorauszahlungen, prekäre Verträge. All das, um eines zu vermeiden: obdachlos zu werden.
Denn seine Wohnung zu verlieren, bedeutet nicht nur, einen Ort zum Leben zu verlieren. Es bedeutet, in einen Mechanismus der Ausgrenzung zu stürzen: Verschlechterung der Gesundheit, Gefahr des Arbeitsplatzverlusts, Verlust von Bezugspunkten, gegebenenfalls Fremdunterbringung der Kinder. Ohne offizielle Adresse wird der Zugang zu Rechten zu einem Hindernisparcours, man wird aus dem System gestrichen. Die Wohnung ist ein Sockel, eine existenzielle Stabilität. Ohne sie gerät alles ins Wanken.
Allzu oft wenden sich Menschen hoffnungsvoll an die Sozialdienste und verlassen diese ohne Lösung, mit Frustration und einem Gefühl des Alleingelassenwerdens. Und mit der Zeit setzen damit ihr Vertrauen aufs Spiel - in die Sozialarbeit, in das gesamte Sozialsystem und in die Politik, die es gestaltet.
Und während sich die Strategien für 2030 herauskristallisieren - insbesondere seit Luxemburg am 21. Juni 2021 in Lissabon die Verpflichtung unterzeichnete, dafür zu sorgen, dass bis 2030 niemand mehr auf der Straße schlafen muss, weil es keine zugängliche, sichere und angemessene Notunterkunft gibt, und dass diese Verpflichtung auch denjenigen zugutekommen sollte, die vergeblich auf der Suche nach einer Wohnung sind -, empfange ich diese Menschen weiterhin jeden Tag mit derselben Dringlichkeit im Kopf: Was antwortet man ihnen heute, wenn sie keine Zeit mehr haben zu warten?