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Jill Crovisier reist seit zwanzig Jahren um die Welt und hat sich als Tänzerin und Choreografin einen internationalen Namen gemacht. Doch hinter ihrem rastlosen Berufsleben steckt ein ruhiger, beobachtender Mensch. Ein Porträt.
An einem warmen Nachmittag treffen wir Jill Crovisier im Innenhof der Rotonden, wo sie gerade eine Residenz hat. Sie kommt direkt von einer Probe, wirkt konzentriert und gleichzeitig offen. In ihrem Rucksack: eine Katzenmaske, die sie später auch für die Fotos aufsetzt - ein Requisit aus einem ihrer Stücke. Trotz ihres vollen Terminkalenders nimmt sie sich viel Zeit für uns. Schnell wird klar: Wenn sie spricht, dann mit großer Leidenschaft – und sehr ausführlich.
Jill Crovisier wurde 1987 in Düdelingen geboren und ist in Rümelingen aufgewachsen. Ihre Mutter ist Halb-Italienerin, Halb-Luxemburgerin, ihr Vater Franzose. Sie hat zwei Brüder. Wenn sie von ihrer Kindheit erzählt, fällt auf, dass Tanz für sie nicht als großes Schlüsselerlebnis begann. Er war einfach da. "Wir hatten immer Tanz zu Hause. Meine Mutter hat sich sehr für Tanz interessiert, für verschiedene Kulturen, für Musik. Bei uns zu Hause lief Musik aus aller Welt, oft wurde im Wohnzimmer getanzt. Diese Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Ausdrucksformen war von Anfang an Teil meines Lebens."
Dabei war Jill als Kind zunächst eher auf den Sport fixiert. Sie schwamm viel, bewegte sich gern, war äußerst aktiv. Erst mit sieben oder acht Jahren besuchte sie das Escher Konservatorium, und irgendwann wurde aus der spielerischen Freude Ernst. "Ich habe relativ früh gemerkt, dass Tanz eine Sprache ist, die mich mit Menschen und ihren Geschichten verbindet." Diese Erkenntnis ist zentral für ihr gesamtes künstlerisches Schaffen geblieben.
"Ich habe relativ früh gemerkt, dass Tanz eine Sprache ist, die mich mit Menschen und ihren Geschichten verbindet."
Jill Crovisier, Tänzerin und Choreografin
Mit sechzehn kam dann ein Erlebnis, das vieles veränderte. Über den British Council wurde sie ausgewählt, nach China zu reisen. Aus jedem europäischen Land wurde damals ein junger Mensch mitgenommen, aus Luxemburg fiel die Wahl auf sie. Plötzlich war sie in Peking. Für ein Mädchen aus dem Großherzogtum war das ein Sprung in ein anderes Leben. "Ich wurde zum ersten Mal in die weite Welt katapultiert", erinnert sie sich.
Ständig unterwegs
China war für sie ein Schlüsselerlebnis. Nicht nur, weil sie dort das professionelle Tanzmilieu kennenlernte, sondern weil sie begriff, wie universell Tanz sein kann. Menschen mit völlig unterschiedlichen Sprachen, Geschichten und Hintergründen finden über Bewegung zusammen. Diese Erfahrung hat sie tief geprägt. Sie war jung, weit weg von zu Hause, und natürlich nicht immer nur euphorisch.
"Ich komme aus dem klassischen Ballett und wollte immer Balletttänzerin werden, aber dafür hatte ich nicht die nötige Morphologie, und irgendwann wurde mein Körper immer weiblicher. Anfangs war ich traurig, aber dann habe ich verstanden, dass es nicht das Ballett ist, sondern der Tanz, an dem ich mich festhalte."
Zurück in Luxemburg dauerte es nicht lange, bis sich die nächste Tür öffnete. Sie bekam ihren ersten professionellen Auftrag – im südostasiatischen Laos. Es ging alles sehr schnell. So schnell, dass sie die Schule zunächst abbrach. Eine Entscheidung, die nicht überall auf Begeisterung stieß. Von der Familie fühlte sie sich unterstützt, von Schule und Konservatorium eher weniger. Trotzdem nahm sie den Auftrag an.
"Wenn man so eine Gelegenheit bekommt, und wenn man Tänzer ist, dann sollte man nicht zehn Jahre warten", sagt sie heute. Zurück aus Vientiane ging sie direkt nach Frankreich, setzte dort ihre Ausbildung fort und holte parallel ihr Abitur nach. Drei Jahre später hatte sie ihr Universitätsdiplom in der Tasche. Von da an war sie ständig unterwegs.
"Es gibt nichts Schöneres, als wenn Menschen sich öffnen. Durch den Tanz öffnen sich natürlich auch ganz persönliche Türen."
Jill Crovisier, Tänzerin und Choreografin
Heute blickt Jill Crovisier auf zwanzig Jahre zurück, in denen Reisen ein konstanter Teil ihres Lebens waren. Frankreich, die USA, China, Indonesien, Japan, Korea, Laos, Australien … - ihre Biografie liest sich wie eine Weltkarte. Oft war sie allein unterwegs. Sie sagt das eher nüchtern. "Das ist ein Teil von mir, ich kenne nichts anderes. Ich passe auf meinen Reisen aber immer gut auf. Auch habe ich in meinem ganzen Leben noch nie Alkohol getrunken, was unbewusst vielleicht ein Schutzinstinkt ist, dass ich immer die Kontrolle über mich behalten will. Es ist ja nicht so, als ob man mit LuxairTours reist."
Natürlich habe dieses Nomadenleben auch seinen Preis gehabt. Beziehungen veränderten sich, manche Freundschaften gingen verloren. "Aber das wäre vielleicht auch passiert, wenn ich geblieben wäre", sagt sie. Für sie ist entscheidend, dass das, was viele als Verlust sehen, auch ein Gewinn sein kann. Gerade das Unterwegssein habe ihren Blick geschärft. Wer aus dem Gewohnten herausgerissen werde, lerne anders zu sehen, anders zu beobachten. Und Beobachtung ist für Jill Crovisier zentral.
Sie beschreibt sich selbst als ruhigen Menschen. Obwohl ihr Leben von außen exotisch wirken mag, sei sie privat keineswegs rastlos. Sie lese lieber ein Buch, als auf eine große Party zu gehen. "Wenn ich zum Beispiel in Hongkong bin, sitze ich manchmal einfach mal drei Stunden im Park und beobachte die Leute." Dieses Beobachten sei für sie kein Zeitvertreib, sondern fast eine Methode. Menschen, Körper, Haltungen, Gesten – all das fließt in ihre Arbeit ein.
Die Kraft der Begegnung
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ihre Choreografien oft so unmittelbar wirken. Jill Crovisier arbeitet nicht abstrakt. Ihre Kunst ist eng mit dem Leben verbunden. Ihre Inspiration zieht sie aus Begegnungen, aus gesellschaftlichen Fragen, aus Erinnerungen, aus kulturellen Erfahrungen. "Es gibt nichts Schöneres, als wenn Menschen sich öffnen. Durch den Tanz öffnen sich natürlich auch ganz persönliche Türen, deswegen ist das Menschliche so wichtig."
Dass sie sich dabei nie auf eine einzige Rolle beschränkt hat, erscheint fast selbstverständlich. Jill ist nicht nur Tänzerin, sondern auch Choreografin, Videokünstlerin, Sounddesignerin, Tanzpädagogin und Produzentin. 2013 gründete sie ihre eigene Kompanie, JC movement production.
Wenn sie davon erzählt, wird schnell klar, wie umfassend ihre Arbeit ist. Sie choreografiert die Stücke, ist meistens selbst für die Musik verantwortlich, bearbeitet Klangmaterial, arbeitet an Videos und visuellen Konzepten. Sogar ihre sehr ausführliche Website hat sie selbst aufgebaut.
"Das ist vielleicht auch auf einen Mangel an Budget zurückzuführen", sagt sie, und gibt an, sowieso ein superkreativer, aber auch ein sehr neugieriger Mensch zu sein. "Gib mir ein Instrument, und ich beschäftige mich den ganzen Nachmittag damit. Wenn die Musik sich für mich richtig anfühlt, dann benutze ich sie auch."
Ihr eigentlicher Motor scheint denn auch Neugier zu sein. Sie arbeitet intuitiv. Wenn sie etwas nicht spürt, funktioniert es für sie nicht. Das gilt für Bewegung, ebenso wie für Musik. Sie sagt dann einen Satz, der vielleicht viel von ihrem Wesen erklärt: "If no one cares about me, no one cares about what I do, so I just do it".
Sobald sie beginne, sich zu fragen, ob etwas gerade "in" sei oder ob es den Leuten gefallen werde, verliere sie den Zugang zu ihrer Arbeit.
"Ich bin ein superkreativer, aber auch ein sehr neugieriger Mensch. Gib mir ein Instrument, und ich beschäftige mich den ganzen Nachmittag damit."
Jill Crovisier
So konsequent dieser Ansatz klingt, so wenig romantisiert Jill Crovisier die Realität des Künstler*innenlebens. Im Gegenteil. Sie spricht offen über Unsicherheiten, über den Druck, ständig weiterzumachen. "Man ist nie im Moment. Kaum ist ein Projekt beendet, wartet bereits das nächste." Der Kopf sei immer schon weiter: der nächste Antrag, die nächste Probe, die nächste Reise, die nächste Produktion.
Ihr Alltag ist dann auch entsprechend durchgetaktet. Es komme vor, dass sie um drei Uhr nachts in Lissabon losfliege, um morgens um zehn schon wieder im Merscher Theater zu stehen. Dass dieses Tempo auf Dauer nicht selbstverständlich ist, weiß sie selbst. "Das muss sich in Zukunft ändern", sagt sie.
Denn auch, wenn Tänzer*innen mit den Jahren oft stärker werden, wächst zugleich das Bewusstsein für Zeit. Sie spricht offen darüber, dass sie inzwischen auch anders auf ihr Leben blickt. "Mein Traum war immer, eine Familie zu haben. Ich bin jetzt 38, und da tickt die Uhr. Das sind so Themen, die in der Kunst ein bisschen tabu sind."
2019 erhielt Jill Crovisier den Lëtzebuerger Danzpräis. Eine wichtige Auszeichnung, ohne Zweifel. Aber auf unsere Frage, was ein solcher Preis denn konkret mit sich bringe, fällt ihre Antwort erstaunlich nüchtern aus. Sie habe sich natürlich gefreut, aber mehr Aufträge habe ihr das nicht gebracht. "Ich betrachtete das irgendwie auch als Anerkennung, aber man verlieh mir den Preis ausgerechnet an einem Tag, an dem ich gerade in Taipeh auf Tour war. Man hätte ja auch ein anderes Datum auswählen können, es ging ja schließlich um mich."
Überhaupt spricht Jill Crovisier bemerkenswert offen über Anerkennung. Sie sagt, dass sie sich manchmal mehr Respekt wünsche, mehr Wertschätzung – und meint damit vor allem Luxemburg. Im Ausland werde sie oft stärker über ihre Arbeit wahrgenommen. Nicht über Preise, sondern über das, was sie künstlerisch tatsächlich mache.
Dabei klingt nichts davon bitter. Eher klar. Vielleicht ist es genau diese Klarheit, die sie so beeindruckend macht. Sie kennt die Realitäten ihres Berufs. Sie weiß, dass Kunst nicht nur Talent bedeutet, sondern auch Organisation, Beharrlichkeit, Strategie, Durchhaltevermögen.
Was bei Jill Crovisier bleibt, ist eine bemerkenswerte Offenheit für Veränderung. Sie spricht davon, dass man sich immer wieder neu erfinden und weiterentwickeln müsse. Dass sie ihre Zukunft zwar in der Bewegung sieht, aber noch nicht genau wisse, in welcher Form. Vielleicht werde es weiterhin Tanz sein. Vielleicht etwas anderes. Entscheidend sei, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.
Sie reist heute noch viel, aber weniger weit als früher. Sie spürt, dass Luxemburg wieder stärker zu einem Ort der Zukunft wird. "Für mich gibt es nichts Schöneres, als auf dem Findel zu landen, da bin ich unheimlich dankbar."
Am Ende des Gesprächs kommt die wohl schwierigste Frage. Wie würde sie sich selbst beschreiben?
Sie lacht kurz. Dann wird sie still.
"Das ist eine megaschwierige Frage."
Nach einer Pause sagt sie schließlich: "Ich empfinde mich als Mensch, der viele Geschichten in sich trägt von seiner Umwelt. Je porte les traces de la vie, aber das klingt jetzt wie ein Guru", wie sie lachend anfügt.
Wahrscheinlich beschreibt der Satz nicht nur Jill Crovisier, sondern auch ihre Kunst. Denn wer ihr zuhört, versteht schnell: Tanz ist für sie nicht bloß Bewegung. Er ist Erinnerung, Begegnung, Erfahrung. Eine Form, das Leben durch den Körper sichtbar zu machen. Und genau darin liegt ihre besondere Kraft.