Wat mengs du? - Inklusion kostet, aber keine Inklusion kostet viel mehr

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Eine Prothese. Ein paar Sitzungen Physiotherapie. Das Recht, zur Schule zu gehen. Das sind Errungenschaften, die durch internationale Budgetkürzungen in Frage gestellt werden. Martin Lagneau, Direktor von Handicap International Luxemburg, erklärt, warum dies uns alle betrifft.

Eine der Hauptaufgaben von Handicap International Luxemburg ist die Inklusion aller Menschen in die Gesellschaft, unabhängig von unseren Unterschieden. Heute möchte ich mit Ihnen eine schwierige Feststellung teilen.

Inklusion bedeutet, dass jede Person gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können soll, indem Vielfalt wertgeschätzt und die Gleichheit der Rechte und Chancen gewährleistet wird. Lange Zeit gingen wir davon aus, dass es ein gemeinsames Ziel ist, allen dieselben Rechte und Möglichkeiten zu geben – ein Ziel, das entwicklungspolitisch verankert war und von dem kollektiven Anspruch getragen wurde, niemanden zurückzulassen. Es handelt sich um einen wichtigen gesellschaftlichen Wert, den wir in den Ländern, in denen Handicap International tätig ist, umzusetzen bemüht sind. Leider wird heute bereits die Notwendigkeit von Inklusion selbst infrage gestellt.

Seit mehreren Monaten beobachte ich – wie viele Akteur*innen im humanitären Sektor – eine besorgniserregende Kursänderung. Ausgrenzende Diskurse werden zunehmend normalisiert, identitäre Abschottungstendenzen nehmen zu und politische Prioritäten verschieben sich. Die Inklusion, einst zentral, gerät nach und nach in den Hintergrund, wird infrage gestellt oder sogar verdrängt.

"Menschen mit Behinderungen gehören zu den ersten, die von Kürzungen der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit betroffen sind."

Dieser ideologische Umschwung zeigt sich konkret vor Ort: Menschen mit Behinderungen gehören zu den ersten, die von Kürzungen der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit betroffen sind. Heute leben weltweit etwa 1,3 Milliarden Menschen mit einer Behinderung, überwiegend in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Einer von sechs Menschen ist betroffen: Das ist die größte Minderheit der Welt.

Inklusive Bildungs-, Gesundheits- oder Rehabilitationsprogramme werden geschwächt und manchmal unterbrochen. Was wie ein Budgetentscheidung aussehen mag, wird in Wirklichkeit zu einem Verlust des Zugangs zu grundlegenden Rechten. Lassen Sie mich diesen Begriff anhand von konkreten Beispielen erläutern: Fayaz ist sechs Jahre alt. Er lebt in Srinagar in Indien. Nach der Explosion eines Sprengstoffs, ein Überrest aus dem Krieg, als er drei Jahre alt war, wurden ihm beide Beine amputiert. Wir haben ihn mit Prothesen versorgt und bieten ihm Rehabilitationsmaßnahmen an, damit er wieder laufen lernt und zur Schule gehen kann.

Über den Autor

  • Seit 1997 bei Handicap International engagiert, war Martin Lagneau am historischen Kampf für ein Verbot von Antipersonenminen beteiligt. Anschließend widmete er sich rasch den Opfern dieser Waffen in kriegszerstörten Ländern, insbesondere im Irak und in Afghanistan. Von 2007 bis 2020 sowie erneut ab 2024 leitete er Handicap International in Luxemburg.

    Gestützt auf 25 Jahre Erfahrung in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe bringt er fundiertes Wissen sowie eine Perspektive ein, die auf seiner Arbeit im Feld basiert, um die Anliegen und Werte von Handicap International voranzutreiben.

Marwa ist ein zehnjähriges Mädchen aus Afghanistan. Sie verlor sieben Familienmitglieder sowie ihr linkes Bein, als eine Rakete ihr Zuhause traf. Trotz einer Prothese hat Marwa – mitten im Wachstum – Schwierigkeiten bei alltäglichen Bewegungen und leidet unter Schmerzen. Sie ist weiterhin auf Unterstützung und physiotherapeutische Betreuung angewiesen. Dennoch besucht sie die Schule, erledigt ihre Hausaufgaben, und ihr Wille zu lernen und sich weiterzuentwickeln ist ungebrochen. Ich könnte Dutzende ähnlicher Beispiele nennen. Die Vorteile und der gesellschaftliche Reichtum von Inklusion müssten eigentlich nicht mehr bewiesen werden. Doch die Realität zeigt: Wenn Ressourcen knapper werden, sind es die verletzlichsten Menschen, die zuerst zurückgelassen werden.

Inklusion ist eine grundlegende menschliche Verpflichtung und das Fundament einer gerechten und nachhaltigen Entwicklung. Sie erfordert Bildungs-, Gesundheits- und Wirtschaftssysteme, die für alle zugänglich sind. Letztlich geht es um eine gesellschaftliche Grundentscheidung: Akzeptieren wir eine Welt, in der Rechte relativ werden und die Schwächsten zurückgelassen werden – oder entscheiden wir uns für Solidarität und Gerechtigkeit? Für mich ist diese gemeinsame Entscheidung offensichtlich.

Auch aus Luxemburg heraus betreffen uns diese Fragen unmittelbar. Unser Land spielt eine anerkannte Rolle in der internationalen Solidarität. Dieses Engagement ist wertvoll, und auch wenn unsere Regierung bislang Kurs hält, müssen wir wachsam bleiben: Unsere Politik der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe muss inklusiv bleiben und insbesondere den am stärksten marginalisierten Menschen zugutekommen.

Inklusion ist niemals selbstverständlich. Sie hängt von politischen Entscheidungen, finanziellen Mitteln und einem kollektiven Willen ab. Finanzielle Kürzungen bedeuten das Risiko, jahrelange Fortschritte zunichtezumachen. Umgekehrt heißt Inklusion zur Priorität zu machen, zu bekräftigen, dass nachhaltige Entwicklung nur dann Sinn hat, wenn sie allen Menschen zugutekommt.

Wat mengs du?

  • Einmal im Monat geben wir einer Stimme Raum - einer Person, die aufgrund ihres Studiums, ihres Berufs oder ihrer persönlichen Erfahrung Expertin oder Experte auf einem Gebiet ist: Expertinnen und Experten für den Alltag, eine Krankheit, eine besondere Lebenssituation - oder einfach nur für eine gefestigte Meinung.

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