Editorial - Rituelle Reden und verlockende Langeweile

Von Misch Pautsch

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Luc Friedens Rede zur Lage der Nation hat landesweit eine Welle des Schulterzuckens ausgelöst. Die Regierung fand sie gut, die Opposition schlecht. Was auch sonst? Insofern hat sie alle Erwartungen erfüllt. Langeweile ist zwar keine rhetorische Tugend, doch sie ist allemal besser als politisches Chaos.

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Die Rede zur Lage der Nation ist in Luxemburg, wie in den meisten Ländern, fast komplett ritualisiert. Ablauf, Inhalt, Reaktionen – eigentlich ist alles schon vorher bekannt. Niemand hatte nach der Rede eine andere Meinung als davor. Die meisten Journalist*innen hätten vermutlich schon am Vortag eine passable Analyse schreiben können, in die sie nur noch kurz einige Zahlen einfügen müssten. Überrascht werden wäre überraschend gewesen.

Reden, ohne etwas zu sagen, nennt man in der Sprachwissenschaft "phatische Kommunikation". Die meisten von uns erleben das im Alltag bei der Begrüßung:

"Hallo, wie geht’s?"

"Gut, selbst?"

"Gut."

Wie gut es einem geht – oder ob es überhaupt gut geht – ist egal. Nichts wurde ausgetauscht, außer der gegenseitigen Bestätigung, dass man an der bekannten, ritualisierten Grußformel festhält. Genau das ist das Ziel der phatischen Kommunikation: Erhalt und Bestätigung sozialer Beziehungen. Sie ist Anerkennung des Status quo, zeigt "Wir kennen unsere Rolle und wir spielen sie." Der eigentliche Inhalt ist fundamental irrelevant, solange nur die Erwartungen erfüllt werden. Wer vom Ritual abweicht ("Nicht gut"), erntet gerne irritierte Blicke.

 Es wäre also treffend, die Rede als langweilig zu beschreiben, und verlockend, phatische Sprache als nichtssagend zu verurteilen. Doch stellen wir uns für einen Moment das Gegenteil vor – oder besser noch: Schauen wir kurz über die Grenzen, wo das Gegenteil fast täglich passiert. Genauer gesagt nach Deutschland und Großbritannien. Vom absoluten Chaos, das jedes Mal folgt, wenn Donald Trump den Mund öffnet, mal ganz abgesehen.

"Langweilige Reden lösen keine Probleme, von denen es in Luxemburg zweifellos mehr als genug gibt. Doch sie sind nur in einem Umfeld möglich, in dem dem moderat-konservative Langeweile noch als politisch haltbare Option empfunden wird."

In Deutschland sorgt Friedrich Merz fast täglich für Schlagzeilen, bei denen selbst alteingesessene CDU/CSU-Wähler*innen den Kopf schütteln: "Paschas", "Stadtbild", "faul", "keiner vor mir hat so etwas ertragen müssen". Alles Ausdrücke, die dezidiert nicht "phatisch“ sind. Die Reaktion ist dementsprechend nicht die ritualisierte Kritik, wie die gesellschaftlichen Spielregeln sie vorsehen, sondern ehrliche Entrüstung. Dies hat Merz mittlerweile den Titel des unbeliebtesten Regierungschefs verschafft – weltweit.

Während seine Partei in Umfragen noch akzeptabel abschneidet, ist es zu einem großen Teil seine bunte Sprache, die die Bundesregierung zunehmend in eine akute Krise stürzt. Es ist kaum ein Jahr her, dass die Ampel-Koalition in ähnlichen Schwierigkeiten steckte – nur dass damals niemand den Atem anhielt, wenn Olaf Scholz den Mund öffnete (im Gegenteil), sondern erst, sobald sein Finanzminister Christian Lindner ans Rednerpult trat. Diese Analysen hätte niemand am Vortag schreiben können. Und wer profitiert von der permanent "spannenden" Kommunikation? Die Partei, die immer von politischem Chaos profitiert: die AfD. Die Partei, die Merz wohl auch mit ihrem Wachstum zunehmend dazu verlockt, sich ihr sprachlich anzunähern. Merz würde sich derzeit wohl nichts sehnlicher wünschen als ein wenig ritualisierte Langeweile. Dass sie ihm verwehrt bleibt, ist wohl einer der größten Unterschiede zwischen ihm und Luc Frieden.

In Großbritannien ist es vor allem Nigel Farages populistische "Reform UK"-Partei, die von Keir Starmers Bredouille profitiert. Anders als Merz ist Starmer selbst zwar "langweilig", doch es ist das politische Umfeld um ihn herum, das nicht zur Ruhe kommt. Nach desaströsen Resultaten der Labour-Partei bei den Lokalwahlen bröckelt seine Regierung. So sehr er auch versucht, Gelassenheit auszustrahlen, gelingt es ihm nicht, die Zweifel abzuwehren, dass er bereits der fünfte Prime Minister in Folge sein könnte, der seine Amtszeit nicht zu Ende führt. Tritt er ans Rednerpult, ist die Spannung greifbar: Wird das die Rede sein, in der er abdankt? Und wenn ja, was dann? Wer hat das Zeug dazu, unsichtbar genug zu sein, um mindestens eine Legislaturperiode zu überstehen? Wann wird's mal wieder langweilig? Oder zumindest nicht so chaotisch?

Vor diesem Hintergrund ist Friedens "langweilige" Rede regelrecht beruhigend. Niemand hat sich im Vorfeld gefragt, ob Frieden alle Luxemburger*innen "Paschas" nennen oder seinen Rücktritt ankündigen wird. Nein, das Land hat die phatische "Erhalt und Bestätigung sozialer Beziehungen“ erwartet – und bekommen. Denn phatische Sprache, so langweilig und inhaltsleer sie auch sein mag, ist zumindest ein Indiz dafür, dass die vertrauten Rollen in den Augen der Leute noch existieren, mit allem Guten und Schlechten, das sie mit sich bringen. Diese Stabilität ist keine Selbstverständlichkeit mehr in einer Welt, in der Rechtspopulismus zunehmend Demokratien zu zersetzen droht.

Langweilige Reden lösen keine Probleme, von denen es in Luxemburg zweifellos mehr als genug gibt. Doch sie sind nur in einem Umfeld möglich, in dem dem moderat-konservative Langeweile noch als politisch haltbare Option empfunden wird. Niemand spielt "Wie geht es? – Gut, selbst? – Gut" – wenn man glaubt, dass das Haus am Abbrennen ist.