Editorial - "So much for the tolerant left"

Von Misch Pautsch

Während Rechtsradikale und identitäre Bewegungen potenzielle Rekruten mit offenen Armen empfangen, scheinen viele progressive Gruppen es vorzuziehen, mögliche Verbündete Reinheitsprüfungen zu unterwerfen. Eine selbstzerstörerische Tendenz, die für die ganze Gesellschaft Konsequenzen haben kann…

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Wer politische "Debatten" insbesondere online verfolgt – ich rate dringend davon ab – ist eventuell schon über das Meme "So much for the tolerant left" gestolpert. Es macht sich über einen scheinbaren Widerspruch progressiver Ideen lustig: "Ah, du glaubst Rechtextreme sind eine Gefahr für die Gesellschaft? Ich soll nicht 'Ausländer raus' schreien? Du tolerierst also meine Meinung nicht? So much for the tolerant left." Das Toleranzparadox besagt, dass tolerante Gesellschaften keine Toleranz gegenüber Intoleranz haben können – und dadurch selbst intolerant werden.

Die Lösung liegt, wie so oft (wenn auch nicht immer) in Moderation. Denn ja, toleriert eine Gesellschaft Intoleranz, riskiert sie, abgeschafft zu werden – und ja, wir müssen, wenn nötig, in letzter Instanz Intoleranz mit Intoleranz begegnen. Doch eins nach dem anderen. 

Mittlerweile haben die Progressiven das Meme nebenbei gekapert: Du hast dir den kleinen Zeh an der Tischkante gestoßen? So much for the tolerant left!

Doch in diesem Spruch versteckt sich ein kleines Körnchen Wahrheit. Denn wer in Diskussionsrunden, den sozialen Medien, aber auch in der realen Welt unterwegs ist, stößt tatsächlich öfter auf Aussagen oder Reaktionen, die stocken lassen. "Aha, du bist also Feminist? Aber bist du intersektioneller-queer-Feminist? Nein? Tststs…" Je geladener das Thema wird, desto performativer werden die Reinheitsrituale. "Du wagst es, einen Beitrag zu veröffentlichen, in dem du dich gegen den Völkermord in Gaza aussprichst? Na, darauf warten wir aber schon lange, wo war das denn vor einem Monat, hm?" "Das Töten muss aufhören? Nein, das bewusste Töten muss aufhören!" Zu schwach, zu wenig, zu spät. "Vegetarier, aber nicht vegan? Öffne doch direkt deinen eigenen Schlachthof." Kein Platz für kleine Schritte, für späte Einsicht, für neu gewonnene Offenheit.

Wem, frage ich mich, ist damit geholfen? Was wurde erreicht, außer einer öffentlichen Selbstbeweihräucherung auf Kosten eines*einer potentiellen, nun vergraulten Verbündeten? Sicherlich kann niemand ernsthaft glauben, damit irgendetwas wirklich zu verbessern?

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