Wenn Gewerbegebiete aus allen Nähten platzen

Von Christian Block

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Die Problematik ist nicht neu. Ihre mangelhafte Thematisierung hilft jedoch auch nicht. Christian Block hat sich in diesem Jahr unter anderem mit dem Platzmangel in Gewerbegebieten und den Auswirkungen auf Handwerksbetriebe und Wirtschaft insgesamt befasst, aber auch nach möglichen Antworten Ausschau gehalten. Ein Interview ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben.

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Dass aus einem knapp 30-minütigen Gespräch mal eben ein eigenständiger Artikel entsteht, ist für Journal-Verhältnisse eher ungewöhnlich. Als ich Patrick Bichler Ende Juli anrief, sollte daraus nicht mehr (aber eben auch nicht weniger) als ein kleiner Erfahrungsbericht werden. Einer von drei, um die Schwierigkeiten zu verstehen, denen Handwerksbetriebe bei der Suche nach Grundstücken in Gewerbegebieten begegnen.

Doch schnell war klar: Das funktioniert ohne Weiteres als eigenständiges Frage-und-Antwort-Interview. Handwerker*innen (und das gilt eigentlich für die meisten Selbstständigen) halten in der Regel nicht mit ihrer Meinung hinterm Berg. Manche Branchenvertreter wie der heutige UEL-Präsident haben damit in diesem Jahr gelegentlich für allgemeine Irritationen gesorgt. In diesem Fall hatte es zumindest den eindeutigen Vorteil, auf den Punkt gebrachte und dennoch nuancierte Antworten zu erhalten. Also das, was sich Journalist*innen im Idealfall von allen Interviews wünschen.

Erfahrungen wie die des Schreinereibetriebs gibt es zuhauf. Als Patrick Bichler den Betrieb 2017 übernimmt, steht für ihn fest, dass der Standort mitten in einem Remicher Wohngebiet auf Dauer ungeeignet ist. Wenn sein Plan aufgeht, das Unternehmen auf gesunde Beine zu stellen, will er binnen zehn Jahren an einen neuen Sitz umziehen. Während ihm Ersteres eigenen Aussagen zufolge gelungen ist und die Schreinerei inzwischen 14 Mitarbeiter*innen beschäftigt, ist Zweiteres heute weiterhin mit Fragezeichen versehen.

Es ist offensichtlich, dass Luxemburg – und hier zeigen sich Parallelen zur akuten Wohnungsnot – es verpasst hat, Wachstum zu antizipieren, die bislang wenig platzeffizienten "zones d'activités" frühzeitig zu überdenken und sich die Frage zu stellen, ob das Tempo, mit dem neue Gewerbegebiete ausgewiesen oder erweitert werden, der Nachfrage eigentlich in irgendeiner Form gerecht wird. Eine fahrlässige Entwicklung, die sich jetzt, in Zeiten geringen Wachstums, rächt.

"Wie im Wohnungsbau hat Luxemburg auch bei der Planung von Gewerbegebieten versäumt, Wachstum zu antizipieren."

Die Thematik ist nicht neu. Nur findet sie kaum Aufmerksamkeit, obwohl es hier um die Substanz der Luxemburger Wirtschaft geht. Zudem ist es ein weiterer Beleg dafür, dass der Platzmangel in den "Industriezonen" ein andauerndes Problem ist. Ein strukturelles.

Doch noch etwas ganz Anderes ging aus dem Gespräch mit dem Unternehmer hervor: eine Kluft zwischen der tatsächlich wahrgenommenen und von Politiker*innen geäußerten Wertschätzung des Handwerks. Bildet es zusammen mit allen anderen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) das Rückgrat der Wirtschaft? Sicherlich. Ob es aber auch als eine "treibende Kraft" wahrgenommen wird, daran hat nicht nur Patrick Bichler erhebliche Zweifel. Obwohl sich die Regierung auf die Fahnen geschrieben hat, KMU mit Beihilfen in Digitalisierungsprozessen zu unterstützen und sie von exzessiver Bürokratie zu befreien.

Aussagen wie diese bleiben aktuell. Noch beim Briefing im Anschluss an den Regierungsrat vom 21. November evozierte Regierungschef Luc Frieden (CSV) die frisch gebackenen Strategiepapiere für Data und Quantentechnologie oder das Thema nachhaltige Finanzen – das Handwerk musste man sich über Umwege dazu denken, als Frieden beispielsweise über die Übernahme der Stromnetzkosten oder die Anpassung der Betriebsbesteuerung als Maßnahmen erwähnte, um das Wachstum auf Sparflamme wieder aufzudrehen.

Besagtes Interview jedenfalls war zugleich der Auftakt einer Artikelserie, die sich nicht damit begnügte, das Problem zu beschreiben, sondern auch nach möglichen Antworten Ausschau hielt, zum Beispiel im Anfang September erschienenen Interview mit Wirtschaftsminister Lex Delles (DP), oder aber im Artikel über das Konzept der Handwerkerhöfe, also die Unterbringung mehrerer Betriebe unter einem Dach, was nicht nur Synergien ermöglicht, sondern auch für Kund*innen attraktiv ist, weil verschiedene Dienstleistungen an einem Ort gebündelt werden.

Wenn sich diese den oder die Handwerker*in in Zukunft denn noch leisten kann. Denn auch das zählt zu den wachsenden Sorgen der Branche. Es ist längst nicht die einzige.