Editorial - Lasst die Rechtsextremen nicht definieren, was ihr lieben könnt

Von Misch Pautsch Für Originaltext auf Englisch umschalten

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Die extreme Rechte beansprucht immer mehr Bereiche des Alltags für sich – und ob ihr das gelingt, hängt in überraschendem Maße von uns ab.

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Einmal alle paar Jahre gehe ich tauchen. Selten, aber oft genug, dass ich mir angewöhnt habe, mit Zeigefinger und Daumen das "OK"-Zeichen zu machen, anstatt den Daumen hochzuhalten. Daher war ich ziemlich genervt, als ich erfuhr, dass eine kleine Gruppe im Forum 4chan beschlossen hatte, das Internet zu trollen, indem sie behauptete, dieses allgemein bekannte Handzeichen werde nun von "white supremacists" verwendet, um sich gegenseitig zu erkennen. Die Geste, so argumentierten sie, sehe vage nach "WP" aus: White Power. Wie bei den meisten Ideen, die in dieser Ecke des Internets entstehen, lag die Motivation irgendwo zwischen dem "Spaß daran", dem Beweis, dass sie die "Normies" alles glauben lassen können, und in manchen Fällen ganz einfach Rassismus.

Unvermeidlicherweise fielen einige Nachrichtenmedien auf den Schwindel herein und berichteten über das neue Erkennungszeichen der "Alt-Right" (ein euphemistischer Neologismus für Neonazis). Ich wusste, dass das Unsinn war, doch von da an überkam mich jedes Mal, wenn ich in der Öffentlichkeit mein "OK" gab, ein leichter Anflug von Unsicherheit. Nicht zuletzt, weil der Witz zu diesem Zeitpunkt bereits Wirkung gezeigt hatte. Die Berichterstattung machte daraus eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Das gängige Zeichen wurde nun von sehr realen Supremacists genutzt, um einander ihre sehr reale Ideologie zu signalisieren.

Ein gängiges, allgemein verständliches Handzeichen war in Verruf geraten: Plötzlich bestand die ernsthafte Möglichkeit, dass jemand mein (oder dein) unschuldiges "OK" als Hasssymbol missverstehen könnte – weil eine kleine Gruppe von Menschen im Internet dies so beschlossen hatte. Sie hatten einen weiteren Teil unseres gemeinsamen Weltverständnisses genommen und ihn verdorben, so klein er auch sein mag. Symbole und Wörter tragen schließlich nur die Bedeutung, die wir ihnen geben. Das OK-Zeichen reiht sich ein in eine wachsende Liste von Zahlen (88, 18, 14…), Abkürzungen (HH, AH, SS, …), Runen (obwohl die nordischen Götter unverschämt und extravagant queer sind – frag einfach Loki, die Mutter von Odins Pferd), Symbole und Memes, die für Stirnrunzeln sorgen könnten, wenn man sie auf einem Nummernschild oder gar als Tattoo sieht. Sie haben uns sogar Pepe the Frog weggenommen!

Ein weiteres Beispiel für diese absurde Aneignungsdynamik ist der Begriff "woke", der sich sogar in den luxemburgischen politischen Diskurs eingeschlichen hat. Im aktuellen Sprachgebrauch fungiert "woke" als Sammelbegriff für alles und jeden, der die Rechte verärgert. Was genau damit gemeint ist, spielt für die meisten Nutzenden keine Rolle. Lustigerweise wurde dies vor einem amerikanischen Gericht endgültig geklärt, als der republikanische Gouverneur DeSantis den Staatsanwalt Ander Warren als "woke-Ideologen" entließ. Da der Richter den Begriff verstehen musste, um zu einer fairen Entscheidung zu gelangen, ließ er ihn von DeSantis' Anwälten definieren. Diese taten dies wie folgt: "Die Überzeugung, dass es systemische Ungerechtigkeiten in der amerikanischen Gesellschaft gibt und dass diese bekämpft werden müssen." Dies entspricht überraschend genau der ursprünglichen Bedeutung und offenbart, wenn man es so formuliert, die Absurdität, den Begriff als Schimpfwort zu verwenden: Systemische Ungerechtigkeiten zu leugnen bedeutet, die objektive Realität zu leugnen; die Notwendigkeit, sie zu bekämpfen zu leugnen bedeutet, die staatsbürgerliche Pflicht zu leugnen – also, sich dafür zu entscheiden, zu schlafen.

"Wenn man sich von Anfang an zurückzieht, gewinnen die Faschist*innen automatisch."

Dennoch ist "woke" nach wie vor ein häufig verwendeter Schimpfbegriff, der von Unwissenden eingesetzt wird. Während der Covid-19-Pandemie führte dies dazu, dass nicht wenige Menschen – was ziemlich verwirrend war – gleichzeitig sowohl "woke", also wach, als auch ein Schlafschaf waren. Die Deutungshoheit ist eine mächtige Sache, und wir tragen die Verantwortung dafür, dass sie nicht in die falschen Hände gerät.

Mein Ärger darüber, dass die extreme Rechte versucht, die Dinge, die wir lieben (oder sind), zu definieren und sich anzueignen, wurde kürzlich durch einen Artikel von Audrey Somnard neu entfacht. Der Beitrag beschrieb detailliert und mit Belegen, wie die extreme Rechte die Wellness- und Fitnessszene unterwandert. Da das Fitnessstudio erschwinglicher ist als Tauchen, verbringe ich dort deutlich mehr Zeit als unter Wasser. Und obwohl das Fitnessstudio, in das ich gehe, meiner Erfahrung nach allen ein warmes Wilkommen bietet – auch wenn ein Teil davon vielleicht Schweiß ist –, erfordert das Anschauen von Fitnessvideos regelmäßiges Aufräumen meiner Social-Media-Feeds. Das sollte keine große Überraschung sein: Wo von Biologie und Genetik die Rede ist, ist der Weg zum Rassismus nicht weit. Das macht das Fitnessstudio und die Wellness-Szene natürlich nicht rassistisch, aber es bedeutet, dass sie von hasserfüllten Menschen als Ort identifiziert wurden, an dem sie ihre Ideologie verbreiten können.

Was fast noch mehr auffiel als der Artikel selbst, war der Kommentarbereich. Es war ziemlich amüsant zu sehen, wie genau jene Leute, die jeglichen Bezug zu rechtsextremen Ideen leugnen, auch die Existenz des Problems leugnen. Man kann heutzutage nicht einmal mehr ins Fitnessstudio gehen, ohne als Nazi bezeichnet zu werden, oder? Angenommen, sie sind allesamt begeisterte Fitnessstudio-Besucher*innen, die rassistische Ideen ablehnen – hätte ihr erster Impuls dann nicht Überraschung und Abscheu sein müssen, dass ihr Hobby von Fanatiker*innen missbraucht wird, um Hass zu verbreiten, und – etwas egoistischer betrachtet – die Frage, welche Konnotationen dies für sie mit sich bringt, wenn sie über ihr Hobby sprechen?

Bei mir war es jedenfalls so: Müsste ich in Zukunft vorsichtiger sein, wenn ich über diesen Teil meines Lebens spreche, so wie ich es beim "OK"-Zeichen tue? Würde ich zulassen, dass sie uns das wegnehmen – uns, den "woke" Fitnessstudio-Fans, wie es nun mal so ist? Was sollen "OK"-Zeichen-zeigende, seltene Pepe-Figuren-sammelnde, "woke" Schlafschafe tun?

Vielen Lesenden wird aufgefallen sein, dass das, was ich hier beschreibe, eine Miniaturversion der Herausforderungen bei der Wiederaneignung ist, denen fast jede Minderheit gegenüberstand: Wie vermeidet man es, von anderen definiert zu werden? Indem man sich das wiederaneignet, was sie gegen einen zu verwenden versuchen. Also lasst uns denselben Ansatz verfolgen und das Label stolz tragen. Zeigt das OK-Zeichen, postet  Pepes, seid "woke" – so, wie ihr es versteht, nicht so, wie sie es euch vorschreiben wollen.

Denn wenn man sich von Anfang an zurückzieht, gewinnen die Faschist*innen automatisch. Wenn nur die Alt-Right das OK-Zeichen benutzt, wird es tatsächlich zu einem Hasssymbol – und zu nichts anderem als einem Hasssymbol. Wenn wir zulassen, dass die extreme Rechte Pepe monopolisiert (obwohl sein Schöpfer Matt Furie Leute verklagt, die ihn als Hasssymbol nutzen), wird er tatsächlich zu ihrem Symbol. Natürlich gibt es Symbole, die unwiderruflich korrumpiert wurden – das Sonnenrad oder den sogenannten römischen Gruß lässt sich nicht mehr zurückgewinnen –, auch wenn sie weiterhin nützliche Mittel zur Identifizierung echter Neonazis bleiben mögen. Aber bei allem anderen sollten wir keinen Zentimeter nachgeben. Denn die Definitionsmacht liegt dort, wo die Menschen glauben, dass sie liegt. Also lasst sie uns für uns beanspruchen.