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Am Mittwochnachmittag kam die traurige Nachricht, dass Colette Flesch, die Grande Dame der DP, im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Mit ihr verliert Luxemburg eine große Persönlichkeit.
Colette Flesch war eine große Persönlichkeit, mit der das Lëtzebuerger Journal im Laufe der Jahre und Jahrzehnte unzählige Interviews führte, zuletzt im Rahmen unseres Podcasts flux über die Geschichte der Luxemburger Wirtschaft, in der die Verstorbene in den nächsten Wochen und Monaten weiterhin auftauchen wird.
Der Autor dieser Zeilen wird Colette Flesch schmerzlich vermissen. Das gesamte Team des Lëtzebuerger Journals spricht der Familie ihr herzliches Beileid aus.
Nachstehend ein Auszug aus unserem Artikel über die Geschichte der DP, der vor vier Jahren veröffentlicht wurde.
"Colette Flesch war in ihrer langen politischen Karriere unter anderem Abgeordnete in der Chamber und im Europaparlament, Hauptstadtbürgermeisterin und Vizepremier sowie Parteipräsidentin, und, abseits der Politik, unter anderem auch noch Fechterin, Sportlerin des Jahres und Generaldirektorin bei der EU-Kommission.
In Düdelingen geboren, verließ Colette Flesch 1940 nach der deutschen Besetzung Luxemburgs mit ihrer Familie das Großherzogtum, um erst 1945 aus Frankreich nach Luxemburg zurückzukehren. Politik hatte aber bereits vorher in der Familie Flesch eine große Rolle gespielt, war der Großvater von Colette Flesch, Dr. Auguste Flesch, doch liberaler Abgeordneter, der unter anderem das Schulgesetz von 1912 mitgestimmt hat.
"Wir waren immer schon eine liberale Familie", erinnert sich eine bestens gelaunte Colette Flesch, die in den Vereinigten Staaten Politikwissenschaften studierte (übrigens auf der gleichen Universität wie Hillary Clinton, und zusammen mit der späteren US-Außenministerin Madeleine Albright) und sich anschließend als Fechterin einen Namen machte, da sie gleich dreimal (1960, 1964 und 1968) an den Olympischen Spielen teilnahm. Klar, dass sie 1967 auch zur Sportlerin des Jahres gewählt wurde.
Ihr damaliger Bekanntheitsgrad dürfte dazu beigetragen haben, dass der damalige DP-Präsident Gaston Thorn sie 1968 fragte, ob sie nicht für die DP bei den vorgezogenen Parlamentswahlen kandidieren wolle. Bei ihr angefragt hatten vor dem 50. Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts aber auch schon die CSV und die LSAP.
Gaston Thorn habe sie abends in Brüssel angerufen, wo sie, die bei der Europäischen Gemeinschaft arbeitete, gerade ein Essen mit 15 Leuten hatte, und sie gefragt, ob sie mit in die Wahlen gehen wolle. Sie habe sich eine Nacht Bedenkzeit erbittet, und als Thorn sie tags darauf um 7.00 Uhr in der Früh angerufen habe, da habe sie zugesagt.
Als zweite Ersatzkandidatin nach Gaston Thorn und Eugène Schaus habe sie anfangs noch geglaubt, dass dieser Kelch an ihr vorübergehe, aber als die DP dann wieder Regierungsverantwortung übernommen habe, da habe sie sich entscheiden müssen, ob sie ihr Mandat annehme oder nicht, und diese Entscheidung sei ihr nicht leicht gefallen. So verdiente Colette Flesch bei den Europäischen Institutionen in Brüssel damals 36.000 Franken im Monat, als Abgeordnete jedoch nur noch 3.500 Franken, und eine Sozialversicherung habe man auch nicht gehabt.
"Mir maachen eppes a schwätze kee Blech."
Colette Flesch
"Hätte ich eine Familie gehabt, dann hätte ich verzichten müssen", zeigt sich Colette Flesch überzeugt, die dann aber nach der damaligen LSAP-Abgeordneten Astrid Lulling (im Jahre 1965) als zweite Frau in die Chamber einzog. Auf Vorschlag ihrer Parteikollegen und aufgrund ihrer Erfahrung in Brüssel habe sie gleichzeitig noch ein Mandat im Europaparlament innegehabt, wurde das Europäische Parlament zu dieser Zeit doch noch durch Vertreter der nationalen Parlamente gebildet.
Einige Monate später nahm Colette Flesch ebenfalls an den Kommunalwahlen teil und bekam zu ihrem Erstaunen 2.000 Stimmen mehr als Boy Konen und Camille Polfer. Da die DP im Wahlkampf versprochen habe, dass der mit den meisten Stimmen auch das Amt des Bürgermeisters übernehmen sollte, habe Thorn ihr gesagt, "Du musst Bürgermeisterin werden", worauf sie ihn gefragt habe, ob er verrückt sei, sei sie bis jetzt doch nicht einmal Mitglied eines Gemeinderats gewesen und habe keine Ahnung von Kommunalpolitik.
Hauptstadtbürgermeisterin blieb Colette Flesch dann aber sogar zehn Jahre lang, bis sie 1981, als Gaston Thorn Kommissionspräsident wird, in die Regierung wechselt, wo sie Vizepremier und Außenministerin wird und zudem noch die Ressorts Wirtschaft, Mittelstand und Justiz innehatte – heute undenkbar.
Aus dieser Zeit stammen auch die inzwischen legendären Sätze von Flesch wie dem der "Industrie crépusculaire" sowie dem des "Den Avenir läit an der Zukunft". Letzterer Spruch sei ihr aber vom damaligen Tageblatt-Journalisten Mars di Bartolomeo in den Mund gelegt worden, habe sie doch in Wirklichkeit gesagt, dass "den Avenir an den Zukunftsindustrien" liege, was ja wohl ein Riesenunterschied sei. Vielleicht hätte sie aber auch einfach sagen sollen, dass man mehr für die Zukunftsindustrien machen müsse.
Als Ministerin hat Colette Flesch natürlich so einiges erlebt. Mit Schmunzeln erinnert sie sich zum Beispiel an einen Nato-Gipfel in Washington, als sie bei einem Empfang im Weißen Haus, als alle noch auf Ronald Reagan warteten, vom damaligen französischen Außenminister Claude Cheysson wegen den luxemburgischen Satellitenplänen angebrüllt worden sei - sehr zum Unmut des deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher, der ihr umgehend zu Hilfe gekommen sei und zu Cheysson gesagt habe, "wenn du Colette was antust, bekommst du es mit mir zu tun".
Belustigt denkt Colette Flesch auch an eine andere Anekdote zurück, als sie dem US-Botschafter in Luxemburg, der auf Wunsch seiner Regierung Einblick in die Buchhaltung einer Firma angefragt hatte, gesagt habe, dass dieser wahrscheinlich glaube, Luxemburg sei eine Bananenrepublik. Als sie kurz danach in Washington gewesen sei, sei sie dort von einem Staatssekretär mit den Worten, "ah, you’re the girl from the banana republic" empfangen worden.
Als wichtigste Reformen, zu denen sie beigetragen hat, bezeichnete Flesch indes die Abschaffung der Todesstrafe, die Liberalisierung der Abtreibung, die Entpenalisierung der Sterbehilfe sowie die Reform der Bürgerrechte verheirateter Frauen. Letzteres Projekt sei übrigens schon 1972 vom damaligen Justizminister Eugène Schaus eingereicht worden und nicht erst, wie das immer von der LSAP behauptet werde, von der sozial-liberalen Koalition der Jahre 1974 bis 1979.
Intellektuell sei die Regierungsarbeit zufriedenstellender als die Bürgermeisterei, so Colette Flesch, aber menschlich und emotionsmäßig sei das Amt des Bürgermeisters befriedigender, da man die Probleme hier direkt angehen und etwas bewegen könne.
Vom Sport habe sie gelernt, den Gegner zu respektieren, was auch für die Politik gelte. Fair Play sei hier besonders wichtig, da man sich einen Sieg nicht erschleichen dürfe, sondern verdienen müsse.
Von einer gendergerechten Sprache ist Colette Flesch indessen nicht überzeugt. Während unseres Gesprächs sprach sie dann auch kein einziges Mal von einer Ministerin, Bürgermeisterin oder Präsidentin, sondern immer nur von einem Minister, Bürgermeister und Präsidenten. Und von Frauenquoten hält die Grande Dame der DP ebenfalls nicht viel. Wichtig sei stattdessen, den Frauen eine Chance zu geben und diesen zu ermöglichen, sich in der Politik zu engagieren. Das sei wirksamer als Quoten. "Mir maachen eppes a schwätze kee Blech"…"
R.I.P. Colette …