"Allez les gars, il faut produire quelque chose!"

Von Sherley De DeurwaerderLex Kleren

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Wie erzählt man Wirtschaftsgeschichte so, dass sie nicht trocken bleibt, sondern berührt? Mit dem flux-Podcast hat das Lëtzebuerger Journal versucht, genau das zu tun: Stimmen zusammenführen, Geschichte hörbar zu machen – und ein Land ein Stück näher zu bringen.

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Als ich im Januar meine erste Festanstellung beim Journal antrat – frisch von der Uni, ein paar Monate Freelance im Nacken, mehr marxistische Literaturkritik im Kopf als wirtschaftliches Grundwissen – wusste ich bereits, dass früher oder später ein Podcast zur Wirtschaftsgeschichte Luxemburgs auf mich zurollen würde. Und doch war mir mulmig zumute, als die Arbeitsgruppe zur Auftaktsitzung zusammenkam und mir dämmerte, wie viel Verantwortung dieses Projekt tatsächlich mit sich bringen würde.

Als Teenagerin pflegte ich eine heimliche, aber hartnäckige Faszination für (werdende) Journalistinnen in Serien und Filmen – kluge, ehrgeizige, gelegentlich schusselige Frauen, die oft feststellen mussten, dass Idealismus in der Realität nicht ganz so glatt funktioniert wie in ihren Köpfen. Ein Prototyp dafür war die überkorrekte, schulisch versierte Rory Gilmore, die nicht immun gegen das Scheitern war.

Ich hatte Grund, zumindest meinem Empfinden nach, zu befürchten, dass mich ein ähnliches Schicksal ereilen könnte. Zwar war ich geschichtsinteressiert, aber mein Zugang zur Welt verlief bisher weniger über Wirtschaft als über abstrakte Analysen von Macht, Sprache und Ideologie. Werkzeuge, die mir in diesem Moment, umgeben von berufserfahrenen und gut vernetzten Journalist*innen, unpraktisch vorkamen.

Wie sagt man so schön? Aller Anfang ist schwer. Das musste das Team hinnehmen, als wir herausfinden wollten, wie man Wirtschaftsgeschichte lebendig gestaltet. Klar ist, dass Namen wie Jean-Claude Juncker, Michel Wurth, Colette Flesch, Guy Castegnaro oder Carlo Thelen unverzichtbar sind, wenn man Luxemburgs Wirtschaftsgeschichte erzählen will. Über sie lassen sich große Linien nachzeichnen: Industrie, Politik, Handel, Gewerkschaften und Arbeitende. Diese Hauptinterviews wurden von Kolleg*innen geführt, die aus diesen Persönlichkeiten einerseits ein buntes Sortiment an Jugend- und Tripartite-Erinnerungen herauskitzelten, aber andererseits auch Einsichten zu wirtschaftlichen Weichenstellungen, Kontinuitäten und Brüchen.

"Erst nach und nach wurde mir klar, dass genau in dieser Vielfalt an Stimmen das Herz von flux liegt. Nicht in Vollständigkeit, sondern in Momenten, in denen Geschichte nah und greifbar wird."

Aber Geschichte braucht auch Historiker*innen und Forschende, die erklären, einordnen, widersprechen. Wie entstand die Stahlindustrie? Welches Kapital steckte dahinter? Wen hat sie geprägt – und wen übergangen? Fragen, die uns unter anderem Prof. Stefan Krebs, Prof. Benoît Majerus, Prof. Inna Ganschow und Frédéric Krier mit großer Genauigkeit und spürbarer Begeisterung beantworteten – und mit denen sie Türen öffneten, an die wir zuvor nicht einmal gedacht hatten.

Und vor allem braucht ein Podcast zur Wirtschaftsgeschichte eins: Menschen wie du und ich, die Dinge erlebt haben, Dinge empfinden und denken, und ebendiese Dinge gerne mitteilen, wenn sie darum gebeten werden (und erschreckend oft überrascht sind, wenn man sie tatsächlich darum bittet). Das wurde mir besonders bewusst, als ich mich im Herbst dem Skripten der ersten Staffel zur Stahlindustrie widmete und Maxime Toussaint, unserem Head of Podcast, bei der Produktion immer wieder über die Schulter lugte, um zu verstehen, was genau es eigentlich ist, das einen guten Podcast ausmacht.

Ich hörte Interviews immer wieder ab, manche vier- oder fünfmal. So oft, dass ich Menschen zitieren kann, denen ich – mit wenigen Ausnahmen – nie persönlich begegnet bin. Georges Ginter etwa, dessen Familie in Larochette über Generationen im Textilhandwerk tätig war und der keck erzählte, Johann der Blinde habe mit einem "Allez les gars, il faut produire quelque chose!" den Stein – oder das Spinnrad – ins Rollen gebracht. Serge Ecker und Thomas Steinmann, die schilderten, wie in Düdelingen Freiwillige im Tausch gegen Bier alte Fliesen schrubben, um Teile des Industriegeländes wieder nutzbar zu machen. Colette Kutten, die erlebte, wie am 1. Mai einer Vertreterin der Frauengewerkschaft schlicht das Wort entzogen wurde. Oder Jérôme Quiqueret, der aus einer Lokalmeldung von 1910 über einen Mord ein ganzes Buch machte – auf der Suche nach dem "Warum".

Erst nach und nach wurde mir klar, dass genau in dieser Vielfalt an Stimmen das Herz von flux liegt. Nicht in Vollständigkeit, sondern in Momenten, in denen Geschichte nah und greifbar wird. Heute liegt mir kaum ein Projekt so sehr am Herzen wie dieses. Ich vermute, ich habe es gebraucht, um in meine neue Rolle als Journalistin hineinzuwachsen, und das durch sorgfältiges Zuhören und dem Ordnen von Material auf der Spur nach einer erzählerischen Linie.

Es gab Nachmittage auf dem Küchenboden, umgeben von hastig ausgeschnittenen Zettelchen mit Namen, Zeitstempeln und Stichworten. Nächte, in denen ich wach wurde und mich fragte, was eigentlich vor der Düdelinger Schmelz auf diesem Stück Land gewesen war. Wem es gehörte. Wer Platz machen musste. Ich wühlte mich durch digitalisierte Zeitungsartikel, weil ich verstehen wollte, wie Menschen wie Paul Wurth oder Emile Mayrisch in ihrer Zeit tatsächlich wahrgenommen wurden. Nicht im Nachhinein, nicht geglättet, sondern im öffentlichen Diskurs ihrer Gegenwart.

Alles erzählen kann man nicht. Auch wenn mein inneres Eichhörnchen, nach all den gesammelten Informationen und Anekdoten, nur zu gern noch ein oder die andere kleine Nuance untergebracht hätte. Ein Format wie dieses braucht Auswahl, Raum, Bezüge zum Heute – und eine gesunde Portion Wärme. Etwas, das ich in der Zusammenarbeit mit Maxime zunehmend gelernt habe und das ich mir inzwischen auch für meine schriftliche journalistische Arbeit bewusster erlaube.

Denn im Kern geht es darum, aus einzelnen Stimmen eine größere Geschichte zu formen – eine, mit der man sich identifizieren kann, bei der Wirtschaft neugierig macht. Vielleicht hat flux mich deshalb so gepackt, weil ich dabei etwas wiedergefunden habe, das mir im Studium abhandengekommen war: die kleine, neugierige Geschichtenerzählerin. Sie sitzt wieder neben mir, hebt die Augenbraue, wenn ich mich in Zahlen verliere, und erinnert mich daran, dass Geschichten zuerst verbinden müssen, bevor sie erklären.

Am Ende hoffe ich, dass flux Zuhörer*innen näher an dieses Land bringt. Dass man nach einer Folge – oder einer ganzen Staffel – anders durch Luxemburg geht, genauer hinschaut und hinhört. Dass Geschichte nicht als etwas Abgeschlossenes wahrgenommen wird, sondern als etwas, das noch immer in unseren Straßen, Häusern und Biografien weiterwirkt.