Damals, als die Hochöfen noch brannten: Ein Schmelzarbeiter erzählt

Von Laura TomassiniLex Kleren

Eigentlich wollte Gaston Simon Medizin studieren. Stattdessen wurde er in den 50ern Schmelzarbeiter in Belval, einem der modernsten Stahlwerke seiner Zeit. Heute erzählt der 87-Jährige von harter Arbeit, technischen Meisterleistungen und gesundheitlichen Risiken, denn der Alltag in der Hütte war alles andere als einseitig.

45 Jahre, so lange war Gaston Simon Schmelzarbeiter. Wie so viele andere junge Männer des Luxemburger Südens stand der heute 87-Jährige im Dienste der Arbed (Aciéries Réunies de Burbach, Eich, Dudelange, heute ArcelorMittal), die 1937 die bereits 1911 in Betrieb genommene Produktionsanlage von Esch-Belval übernahm. Bis 1997 waren die Hochöfen im ehemaligen Gebiet des Escher Clair-Chêne Gemeindewald aktiv. Das Werk, bekannt als Adolf-Emil-Hütte, galt als eines der modernsten in Europa, denn hier wurde hochwertiges Roheisen, auf Luxemburgisch "Goss", produziert.

Simon verbrachte seine gesamte Karriere im Belvaler Hüttenwerk, wo es neben sechs Hochöfen ebenfalls ein Stahlwerk sowie mehrere Walzstraßen gab. 1953 startete der Escher seine Lehre in der "Léierbud" der Arbed und wurde zum Schweißer ausgebildet, mit Fokus auf elektrischem Schweißen und Reparaturarbeiten. "Wir hatten Glück und konnten alles lernen, so dass ich späterhin Schmiedearbeiten gemacht habe, Kupfer hämmerte und Reparaturen durchführte", erklärt Simon. Weshalb er Schmelzarbeiter wurde? "Was war anderes da? Ich habe mich eigentlich für Medizin interessiert, aber mein Vater ist früh gestorben und es gab nicht viele Optionen, also habe ich mich bei der Arbed gemeldet."

Funken, Asbest und Roheisen

In den Luxemburger Schmelzen gab es keine Zeit für Ausfälle – kaputte Stücke mussten schnell ersetzt oder repariert werden und "je mehr man konnte und je zügiger man arbeitete, desto schneller kam man im Job voran", so der 87-Jährige. Er habe stets gerne gearbeitet, nebenbei stemmte er viermal die Woche Gewichte und war mehrere Jahre bei der "Protection civile", also als Freiwilliger im Rettungs- und Bevölkerungsschutz aktiv. Simon bezeichnet sein langjähriges Handwerk als vielseitig, aber nicht einfach, denn häufig zahlte man gute Arbeit mit der eigenen Gesundheit: "Es gab wahnsinnig viel Staub und ich habe gesehen, was teilweise mit den Schlacken aus den Öfen floss. Die Stücke leuchteten in allen möglichen Farben und waren wunderschön, aber ob sie auch für die Gesundheit schön waren, das ist fraglich."

Auch der Arbeitsort an sich barg viele gesundheitliche Risiken, denn musste das Schweißer-Reparaturteam gerade keine mehrere Dutzend Kilo schweren Ersatzteile irgendwo hinschleppen, kam es vor, dass die Reparateure im Innern der Hochöfen arbeiteten. "Dort war alles voller Asbest und wir standen mit der Nase mittendrin", erinnert sich Simon. Nur zu gut kannte er den genauen Aufbau der Hochöfen: ihren äußeren Metallmantel, die innere Schicht aus feuerfesten Ziegeln, die diesen vor den hohen Temperaturen schützten, die Brenn- und Rohstoffe, die von oben Schicht für Schicht hineingeschüttet wurden, um so aus dem Minetter Eisenerz flüssiges Roheisen herzustellen.

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