Historikerin Inna Ganschow dokumentierte erstmals ausführlich die Schicksale von rund 4.000 "verschleppten" Ostarbeitenden in Luxemburg. Briefe, Fotos und Notizbücher zeigen Zwangsarbeit, Isolation und Überleben, insbesondere von jungen Mädchen. Ihre Ausstellung in Düdelingen ermöglicht es, heute dieses lang verschwiegene Kapitel zu erkunden.
Der Brief ist in kyrillischer Schrift geschrieben, in dunkler Tinte. Der Schriftzug scheint erratisch. Vergrößert hängt er an einer Wand im Centre de Documentation sur les Migrations Humaines (CDMH) in Düdelingen. Eine ehemalige ukrainische Zwangsarbeiterin schreibt an eine andere: "Weißt du noch? Warum hat man uns das angetan? Was war denn unsere Schuld?" und umkreist eine Träne, die aufs Papier getropft ist.
Der Brief gehört zu den Dokumenten und Sachquellen, die in den letzten Jahren den Weg zu der Historikerin und Forscherin des Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C2DH) Inna Ganschow gefunden haben. Im November 2025 gewann ihr Buch Keiner weinte, es gab keine Tränen mehr bei den Walfer Bicherdeeg den Luxemburger Buchpreis in der Kategorie "Sachbuch". Wer zum ersten Mal den Titel hört oder sieht, mag sich wohl einen fiktiven Roman erwarten , aber der Untertitel, Ukrainische, russische und belarussische ZwangsarbeiterInnen in Luxemburg im Zweiten Weltkrieg, lässt verstehen: Hier geht es um ein Kapitel der Geschichte Luxemburgs, das nur von den wenigsten bis dato beleuchtet worden ist.
"Ich wollte dieses Buch lesen, aber niemand hatte es geschrieben – also musste ich es selbst schreiben", sagt Ganschow. Als gebürtige Kasachstanerin, die selbst nach Westeuropa migriert ist, beschäftige sie sich gern mit Migrationsbewegungen aus Osteuropa. Dass sie dabei auf die Geschichte der rund 4.000 sogenannten Ostarbeitenden in Luxemburg stieß – mehr als die Hälfte aus der Ukraine, rund ein Viertel aus Russland, weitere aus Belarus und Polen – sei eher zufällig gewesen.
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