Sind die Medien politisch voreingenommen?

Von Bill WirtzLex KlerenMisch Pautsch Für Originaltext auf Englisch umschalten

Ziel des Journalismus ist es, über Fakten zu berichten, ohne sich von persönlichen Vorurteilen beeinflussen zu lassen. Das hindert Journalist*innen und ihre Arbeitgeber*innen jedoch nicht daran, ihre eigenen politischen Ansichten zu haben. Um diese heikle Frage zu beantworten, haben wir mit Kolleg*innen und Forscher*innen gesprochen.

Wenn aus einer Umfrage hervorgeht, dass acht von zehn Luxemburger*innen eine bestimmte Politik unterstützen, kann die Berichterstattung auf zwei verschiedene Arten erfolgen. Es kann heißen: „80 Prozent der Befragten unterstützen die Politik” oder „20 Prozent der Befragten sind gegen die Politik”. Beide Versionen sind objektiv korrekt, vermitteln jedoch einen anderen Zugang zum Artikel und rufen bei den Leser*innen unterschiedliche Emotionen hervor. In diesem speziellen Fall ist es wahrscheinlich am neutralsten, die Pressemitteilung des Meinungsforschungsinstituts zu zitieren, um die Anschuldigung politischer Befangenheit zu vermeiden.

Medienunternehmen haben sich große Mühen gegeben, sich vor dem Vorwurf der Parteinahme zu schützen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vermied die Nachrichtenagentur Reuters, die Täter als „Terroristen” zu bezeichnen. Stephen Jukes, der damalige Leiter des Bereichs Global News bei Reuters, meint dazu: „Während dieser schwierigen Zeit haben wir uns strikt an unsere 150 Jahre alte Tradition der sachlichen, unvoreingenommenen Berichterstattung gehalten und unsere langjährige Politik gegen die Verwendung von Reizbegriffen beibehalten, einschließlich der Worte ‚Terrorist‘ oder ‚Freiheitskämpfer‘.”

Die Verwendung von Adjektiven kann bei Leser*innen schnell eine negative Reaktion hervorrufen und die Objektivität der Autor*innen in Frage stellen. Ist die führende luxemburgische Oppositionspartei CSV Mitte-Rechts, Mitte-Links oder konservativ? Sind die im Parlament vertretenen Parteien „populistisch”, und ist es überhaupt fair, ein so umstrittenes Wort zu verwenden?

Das Vertrauen in die Medien steht seit 2016 im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte, als die Folgen des Brexit-Referendums im Vereinigten Königreich und der Wahl Donald Trumps in den Vereinigten Staaten eine Diskrepanz zwischen den redaktionellen Prioritäten der Medien und der Realität der Wähler*innenentscheidungen deutlich machten. In einer Eurobarometer-Umfrage von 2016 (Eurobarometer 452) hielten 44 Prozent der Befragten in der (damaligen) EU28 die Medien für nicht vertrauenswürdig – in Luxemburg waren es nur 27 Prozent (65 Prozent Zustimmung, der Rest war unentschlossen). Eine beachtliche Zahl, da jede*r fünfte Luxemburger*in der Authentizität der Informationen, die aus inländischen Medienquellen kommen, zynisch gegenübersteht

Inwieweit ist die Behauptung berechtigt, dass es eine Diskrepanz zwischen den politischen Ansichten der Nachrichtenredaktionen und der allgemeinen Bevölkerung gibt?

Ein Blick nach Deutschland, wo die politische Orientierung von Medienschaffenden seit langem analysiert wird, macht in diesem Kontext Sinn: Mehr als ein Viertel der Luxemburger*innen konsumiert regelmäßig deutsche Medien.

Deutsche Journalist*innen sind linkslastig

Prof. Dr. Christian Hoffmann ist Professor für Kommunikationsmanagement am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig und erforscht seit 2004 die deutschen Medienlandschaften. Medienanalyse sei so alt wie die Kommunikationswissenschaft, sein Leipziger Institut mit 100 Jahren die älteste, die sich mit der Entwicklung der Medien beschäftige. „Nach den vorliegenden Daten sind zwischen zwei Drittel und drei Viertel der Journalisten in Deutschland politisch links der Mitte angesiedelt. Dies beruht auf einer Befragung der Journalisten selbst, das heißt auf Angaben, die sie selbst gemacht haben”, erklärt Hoffmann. Fragen nach der politischen Orientierung sind in Deutschland seit langem üblich und gelten als die genauesten Informationen. Im Vergleich zu den USA werden Spenden an politische Parteien ebenso wenig berücksichtigt wie Tools, die das Verhalten in sozialen Medien analysieren: „Die Analyse von Filterblasen kann für die breite Öffentlichkeit interessant sein, für Journalisten sagt sie nicht viel aus. Auf Twitter folgen Journalisten Accounts einer breiten Palette von politischen Akteuren, was nicht bedeutet, dass sie ihnen zustimmen.”

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