Wer die öffentliche Debatte im kleinen Luxemburg verfolgt, könnte das Gefühl haben, dass wir uns in einer gemütlichen, warmen Höhle eingerichtet haben, während draußen der Sturm aufzieht. In unserem Idyll nimmt die Welt scheinbar ihren gewohnten, beschaulichen Lauf, das internationale Chaos wirkt fernab, fast wie eine Erzählung aus der fremden Welt "da draußen".
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J.R.R. Tolkien ist – neben seinem Lebenswerk Der Herr der Ringe und Der Hobbit selbst – bekannt dafür, dass er Allegorien hasste. Unermüdlich betonte er, dass der Eine Ring keine Metapher für Nuklearwaffen sei, Sauron und die Orks nicht für Nazis stehen und Gandalf keine Jesusfigur ist. Dennoch komme ich nicht darum herum, mich manchmal zu fragen, ob er sich bei der Beschreibung der unscheinbarsten Wesen von Mittelerde, den Hobbits, nicht zumindest ein kleines bisschen an uns Luxemburger*nnen inspiriert hat. Im abgeschotteten Auenland trinken, essen und feiern sie gern. Hobbits sind notorisch uninteressiert an den Ereignissen der Welt der "großen Leute", wie sie die Menschen nennen. Viel lieber kümmern sie sich um die Geschehnisse in ihrer eigenen Nachbarschaft, egal ob die sie etwas angehen oder nicht. Am liebsten haben sie jedoch, wenn gar nichts passiert. Meist wird ihnen das gewährt, fällt ihr kleines Idyll doch keinem der Feinde ins feurige Auge.
In Luxemburgs Zeitungen drehen sich die Schlagzeilen in diesen Wochen um geschlechterneutrale Toiletten an unseren Schulen und das Pestizidranking luxemburgischer Äpfel. Unter jedem Beitrag der obligatorische Kommentar: "Hu mer da soss keng Problemer?" Anscheinend nicht. Zumindest keine, die interessieren.
Denn die Beiträge über den immer noch tobenden Krieg in der Ukraine, das nicht mehr zu verneinende Abdriften der USA in ein faschistisches Regime, steigenden Rechtsextremismus in unseren Nachbarländern (samt erwiesen korrupten Politiker*innen) oder gar alte Kamellen wie der Klimawandel oder – gähn – das de facto Zerbrechen der NATO wollen im öffentlichen Diskurs nicht so wirklich ziehen. Grönland, Iran, ein – so unglaublich es klingt – scheinbar tatsächlich existierender globaler Pädophilenring … langweilig.
Selbst spezifisch auenländische, pardon, luxemburgische Themen wie das möglicherweise erzwungene Anpassen des Mindestlohns, der durch kreatives Wegignorieren der hohen Löhne im öffentlichen Sektor künstlich nach unten gedrückt wurde, wollen nicht so wirklich Anklang finden. Denn, sind wir ehrlich, irgendwie sind die Leute, die das betrifft, immer noch ein bisschen weit weg. Nicht ganz "großer Leute", wie die Hobbits sie nennen würden, aber sie sind doch definitiv weit genug weg, dass sie "uns" nicht wirklich betreffen. Die Armutsquote kriecht nebenbei, heimlich, still und leise, immer weiter nach oben.
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