Ungewollt ungeschützt

Von Jeff Mannes

Stealthing beschreibt sowohl eine Form sexualisierter Gewalt, bei der das Kondom heimlich entfernt wird, als auch ein einvernehmliches Rollenspiel. Ersteres war kürzlich Thema einer parlamentarischen Anfrage. Ein Betroffener und Expert*innen im Gespräch mit dem Lëtzebuerger Journal.

Im Mai 2021 stellte die DP-Abgeordnete Carole Hartmann eine parlamentarische Anfrage an die Justizministerin Sam Tanson und den Minister für innere Sicherheit Henri Kox. Sie wolle u.a. wissen, ob das „Phänomen des Stealthing“ auch in Luxemburg existiere und, falls ja, ob es Statistiken dazu gebe. Stealthing kommt vom englischen Wort „(by) stealth“, was so viel wie „heimlich“ oder „durch List“ bedeutet. Stealthing beschreibt in Hartmanns Anfrage das nicht-einvernehmliche Abziehen des Kondoms beim penetrativen Geschlechtsverkehr, bei dem der meist männliche Sexpartner, ohne Einwilligung oder Wissens der anderen Person, das Kondom heimlich entfernt, oder auch absichtlich so manipuliert, dass es während dem Geschlechtsverkehr reißt.

Mike (Name von der Redaktion geändert) war erst 18 Jahre alt, als er Opfer von Stealthing wurde. „Ich war jung und meiner Sexualität noch sehr unsicher“, berichtet der heute 25-Jährige. „Man kann sich in dem Alter noch gar nicht so richtig vorstellen, dass so etwas passieren könnte.“ Beim Analverkehr habe sein Sexualpartner ohne Mikes Wissen dafür gesorgt, dass das Kondom abrutschte. Erst nach dem Orgasmus sei ihm das aufgefallen. „Anfangs war ich wütend. Später kam dann die Angst vor HIV.“ Es habe gedauert, das Geschehene zu verarbeiten. „Ich habe in dem Moment gar nicht mal viel gesagt. Ich bin einfach gegangen. Unterwegs nach Hause habe ich eine Freundin angerufen und mich bei ihr erst einmal aufgeregt. Aber es hat ein paar Tage gedauert, bis ich genau verstanden habe, was da passiert ist.“ Der spätere HIV-Test war negativ.

Der Vollständigkeit halber muss eine solche Situation vom Stealthing als einvernehmliches Rollenspiel abgegrenzt werden, bei dem sich die Sexualpartner*innen unter Konsens und Wissen von allen Beteiligten darauf einigen, dies als Variante des sexuellen Spiels in den Sexualakt einzubauen. Während letzteres als einvernehmliche Variante des sexuellen Spiels anzusehen ist, ist das, was Mike erlebt hat, ganz klar sexualisierte Gewalt.

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