Shoppen bis zum Umfallen

Von Misch Pautsch

Gerade eben waren noch Solden, in einem guten Monat findet bereits die Braderie statt. Luxemburger geben Jahr um Jahr mehr Geld für Dinge aus. Für etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung ist der Einkauf aber nicht Mittel zum Zweck: Sie sind kaufsüchtig, oder stark kaufsuchtgefährdet.

Einkaufen ist in unserer Gesellschaft das normalste der Welt. Lebensmittel müssen auf den Tisch kommen, löchrige Socken sollten ersetzt werden und die neue CD des Lieblingskünstlers könnte gekauft werden. Werbung schleicht sich in jeden Teil des Lebens und laden das Unterbewusstsein nach allen Regeln der Kunst ein, den Einkaufswagen noch etwas mehr zu füllen. Die meisten Menschen sehen den Einkauf selbst als nötigen Schritt, um an Güter und Dienstleistungen zu kommen – ob sie sie nun brauchen oder „brauchen“. Für kaufsüchtige Personen jedoch nimmt das Einkaufen ein scheinbar unkontrolliertes Eigenleben an. Dr. Andreas König arbeitet bei der Beratungsstelle „Ausgespillt“ der asbl „Anonym Glécksspiller“ und berichtet von Menschen, die wortwörtlich einkaufen, bis sie die Einkaufstaschen nicht mehr tragen können – manchmal ohne die Kisten danach jemals zu öffnen. Eine Situation, aus der es nicht einfach ist, herauszubrechen, auch wegen der „desolaten Versorgungssituation“ im Land.

Lëtzebuerger Journal: Was versteht man genau unter Kaufsucht?

Dr. Andreas König: Ob pathologisches Kaufen tatsächlich eine Sucht, eine Form von Zwangsstörung oder Impulskontrollstörung ist, ist noch umstritten. Wir verstehen darunter ein Kaufen, das nicht mehr an den tatsächlichen eigenen Bedarf, beziehungsweise den Zweck des Produkts oder der Dienstleistung gebunden ist. Vielmehr dient er zur Kompensation unangenehmer Gefühlszustände. Man beschäftigt sich obsessiv mit dem Kaufen, hat einen unwiderstehlichen Kaufdrang und verliert die Kontrolle, so dass der Konsum entgleist. Dabei ist das Spektrum breit: Von gelegentlichen Kaufattacken bis hin zum völligen Absturz mit völlig entgleistem Konsum, hoher Verschuldung, Beschaffungskriminalität und Urkundenfälschung, um weiter kaufen zu können.

Wir reden bei Kaufsucht also nicht vom Konsum spezifischer Produkte, sondern von Konsum an und für sich. Leute sind also nicht nur beispielsweise süchtig danach, Kleider einzukaufen?

Kaufsüchtigen geht es eher um den Akt des Kaufens als Prozess, weniger um die Produkte an sich. Daher ist die Bandbreite der Produkte in der Regel groß. Oft gibt es aber individuelle Schwerpunkte, wie zum Beispiel Luxusaccessoires.

Ein Beispiel ist eine Klientin, die die Parfumerie nach dem neuesten Duft absucht, sich von der Verkäuferin für die gute Wahl gratulieren lässt und dann weiterzieht durch Modeboutiquen, Antiquitätenhändler und Juweliere, bis sie nicht noch mehr tragen kann. Ein paar Tage später, bei der nächsten Kaufattacke, geht sie dann in andere Läden, damit es nicht so auffällt. Dafür hat sie dann über 100.000 Euro Rücklagen aufgebraucht und viele Tausend Euro Konsumkredite und Ratenzahlungen am Laufen, von denen sie die Zahlungsmahnungen abfängt, damit der Mann sie nicht entdeckt und Bestellungen an ihre Eltern liefern lässt. Bei Männern sind es oft die neuesten technischen Gadgets, mehrere hochwertige Smartphones, Laptops und so weiter. Wobei es auch Männer mit Schränken voller Designeranzügen und Kisten voller Markenklamotten gibt, die einmal getragen wurden oder wo noch das Schildchen dranhängt. Kaufsucht ist aber nicht einfach das Lifestyle-Phänomen einer aus dem Ruder gelaufenen Konsumgesellschaft, sondern eine psychische Störung, in deren Verlauf sich psychische, soziale und finanzielle Probleme immer weiter verschärfen.

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