Henri Grethen: "Ich hatte nie einen Maybach!"

Von Pascal Steinwachs, Lex Kleren

Henri Grethen hat den Niedergang der Stahlindustrie ebenso erlebt wie den Aufstieg des Finanzplatzes. Als DP-Politiker und Wirtschaftsminister war er an wichtigen wirtschafts- und finanzpolitischen Entscheidungen beteiligt. Wir trafen Grethen im Rahmen unseres Podcasts flux. Nachstehend das (fast) vollständige Interview.

Henri Grethen wuchs in Esch-sur-Alzette auf, in einer Stadt, deren Alltag vom Rhythmus der Stahlwerke geprägt war. Im Lauf seines langen beruflichen Lebens war er unter anderem Generalsekretär der Confédération du Commerce, Generalsekretär und Fraktionschef der DP, Wirtschafts- und Transportminister in der Regierung Juncker/Polfer und luxemburgischer Vertreter beim Europäischen Rechnungshof. Im Gespräch erinnert er sich an seine Kindheit in Esch, die Stahlkrise, den Satellitenbetreiber SES, das Bankgeheimnis und die Bankenrettung von 2008.

Lëtzebuerger Journal: Sie sind in Esch aufgewachsen, Ihr Vater hatte dort eine Metzgerei. Wie hat diese Zeit Ihr Verständnis von Arbeit und Wirtschaft geprägt?

Henri Grethen: Ich wusste, dass meine Eltern sehr viel arbeiten mussten. Deshalb nahm ich mir schon früh vor, es nicht so zu machen wie sie, sondern etwas anderes zu tun.

Sie haben die Blütezeit der Stahlindustrie noch unmittelbar erlebt. Was war Ihre erste bewusste Erfahrung, die Ihnen zeigte, wie abhängig Luxemburg, besonders Esch, von der Stahlindustrie war?

Mein Vater sagte mir damals, dass ein Hüttenarbeiter nach dem Krieg doppelt so viel wie ein Büroleiter beim Staat verdiene. Die Menschen im Minett arbeiteten viel und aßen gut, vor allem viel Fleisch. Dort war es praktisch jeden Tag ein bisschen wie auf einer Braderie. In der Hauptstadt war das anders. Dort kauften die Leute vielleicht gelegentlich ein Steak, aber sonst nicht viel. Deshalb entschied sich mein Vater für Esch, er stammte selbst aus dem Minett. Da habe ich verstanden, wie wichtig die Stahlindustrie für sein Geschäft war.

Trotzdem hatte unsere Familie immer ein zwiespältiges Verhältnis zur Stahlindustrie. Aus der Familie meines Vaters hatte niemand jemals in einem Stahlwerk gearbeitet. Meine Vorfahren waren Bauern und Gärtner aus der Gegend um Niederkorn, Differdingen, Beles, Rodingen und Lamadelaine. Sie wurden immer wieder von den Stahlbaronen enteignet, weil die Werke Land brauchten. Wenn das Gelände benötigt wurde, wurde man enteignet. Man bekam zwar eine Entschädigung, aber das Land war weg. Noch Anfang der 1970er Jahre drohte meinem Vater die Enteignung seiner Grundstücke zugunsten der ARBED. All das hat mich geprägt.

Sie begannen Ihre berufliche Karriere 1976 als Wirtschaftsberater. Warum?

Ich hatte zunächst Medizin studiert, bis ich merkte, dass ich dafür nicht geeignet war. Also suchte ich mir etwas anderes. Ein guter Freund, Nic Weber, der frühere RTL-Chefredakteur, sagte mir, dass bei der Fédération des Commerçants eine Stelle frei sei und ich mich dort bewerben solle. Sie stellten mich dann tatsächlich ein. Dort hatte ich die Idee, die Fédération des Commerçants und die Fédération des négociants en gros zusammenzuführen, und so wurde ich vom Wirtschaftsberater zum Generalsekretär der Confédération du Commerce, die heute Luxembourg Confederation heißt. Dort blieb ich bis 1989.

Parallel dazu wurden Sie 1980 Generalsekretär der Demokratischen Partei. Wie kam es dazu?

Es war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen es für diesen Posten tatsächlich eine Wahl gab und nicht nur einen Kandidaten. Ich war damals 29 Jahre alt. Mein Gegenkandidat war Carlo Meintz, Abgeordneter und Bürgermeister von Walferdingen. Alle sagten mir, ich hätte keine Chance, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Beim Kongress in Düdelingen erhielt ich 66 Prozent der Stimmen. Die Parteiführung war darüber etwas irritiert.

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