Fledermäuse: Sündenböcke und Hoffnungsträger

Von Misch Pautsch

Fledermäusen eilt der Ruf des Blockadetiers voraus – werden sie erwähnt, dann meist, weil sie für Stillstand verantwortlich gemacht werden. Dabei bedeutet die Anwesenheit der kleinen Säugetiere vor allem eines: Dass es der Natur gut geht.

„Biotope wie dieses hier, genau das, müssen wir erhalten, schützen und wieder aufbauen.“ Jacques Pir schweift mit seiner Hand über einen typischen Ausschnitt des Moseltals. Vor dem Fledermausexperten erstrecken sich dutzende kleine Felder, die durch Hecken voneinander getrennt sind, mit einzelnen Obstbäumen und umgeben von Waldrand. Ein ideales Jagdrevier für die stark bedrohte Große Hufeisennase, von der eine etwa 150 Weibchen starke Kolonie hier lebt – mehr als in ganz Deutschland. Sie sind die einzigen ihrer Art bis weit über die Grenzen hinaus.

„Damit geht Verantwortung einher“, sagt Pir, während wir uns auf eine Mauer am Waldrand setzten. Der Wissenschaftliche Mitarbeiter des Museums und Beauftragter des Umweltministeriums für Artenschutz hat sich dem Erhalt der einzigen fliegenden Säugetiergruppe verschrieben. Nicht immer einfach, denn in ihren Presseauftritten sind Chiroptera (Handflügler) meist Sündenbock für Stillstand und Verbote. „Die Fledermaus ist schuld: PAG für Kennedy-Süd annulliert“ oder „Neue Tramstrecke gefährdet bedrohte Fledermäuse“ titelt unlängst das Lëtzebuerger Wort. Die ehemalige Bildungsministerin Anne Brasseur (DP) stellt in einer Carte Blanche für RTL „gesunden Menschenverstand“ „mehr Reglementierungen und Egoismus“ gegenüber, für die der „Lebensraum von Vögeln, Schlangen oder Fledermäusen“ als Beispiel herhalten muss. Sie echot damit Michel Wolter (CSV) laut dem es nicht akzeptabel sei, dass „jedes einzelne Biotop uns daran hindert dort zu bauen, wo es landesplanerischen Kriterien entspricht, aber eine Fledermaus herumfliegt“. In Steinfort wurden Fledermäuse 2017 zum Politikum, als eine Bürgerinitiative gegen den Bau einer Flüchtendenunterkunft klagte, weil keine Impaktstudien für die Region vorlagen. Wie viel diese Aktion tatsächlich mit Fledermäusen zu tun hatte, bleibt offen. Aber in die Schlagzeilen schafften die Tiere es trotzdem – und werden damit einmal mehr zum Sinnbild für die falsche Gegenüberstellung von Fortschritt und Naturschutz.

Du willst mehr? Hol dir den Zugang.

  • Jahresabo

    168,00 €
    /Jahr
  • Monatsabo

    15,50 €
    /Monat
  • Zukunftsabo für Abonnent*innen im Alter von unter 26 Jahren

    90,00 €
    /Jahr

Du hast bereits ein Konto?

Einloggen
Jetzt den Newsletter abonnieren und nichts mehr verpassen. 

Um die Anmeldung abzuschließen, klicke auf den Link in der E-Mail, die wir dir gerade geschickt haben. Überprüfe im Zweifelsfall auch deinen Spam- oder Junk-Ordner. Es kann einige Minuten dauern, bis dein Journal-Profil aktualisiert ist.

Da ist was schief gelaufen bei deiner Anmeldung für den Newsletter. Bitte kontaktiere uns über abo@journal.lu.

Weiter

Zeit der Wiedergutmachung