Ein Modell für alle wird es nicht geben

Von Sarah RaparoliMisch Pautsch

Ist die 40-Stunden-Woche nicht längst überholt? Für welche Branchen sind Reduzierung oder Flexibilisierung der Arbeitszeiten sinnvoll? Und kann das kürzlich eingeführte Recht auf eine Vier-Tage-Woche in Belgien wirklich als gutes Beispiel für Luxemburg fungieren? Antworten aus den Bereichen Gesundheit, Handwerk, Wirtschaft und Psychologie.

Die Welt steckt in einer tiefen Krise. Sie scheint auf der ewig anhaltenden Talfahrt nicht mehr bergauf zu finden. Umso mehr wünschen sich die Menschen mehr Zeit, um das zu tun, was sie möchten und nicht nur das, was sie müssen. Verständlich und zugleich wenig verwunderlich, dass das Phänomen „Quiet Quitting“ großen Zuspruch erhält. Kurz und knapp erklärt geht es dabei darum, dass Arbeitende nur noch die Arbeit erledigen, für die sie tatsächlich bezahlt werden. Keine Überstunden und keine zusätzliche Arbeit, die nicht im Vorfeld im Vertrag festgehalten worden ist. Der Wunsch nach einer Arbeitsverkürzung oder einer flexiblen Gestaltung des zu leistenden Pensums kann X Gründe haben, aber ist es nicht ohnehin an der Zeit, das 40-Stunden-Modell zu überdenken?

„Nein, ich denke nicht, dass wir noch 40 Stunden arbeiten müssen, heißt es von Tina Koch, psychiatrische Krankenschwester und Generalsekretärin der Krankenpfleger*innenvereinigung Anil. „In unserer Branche haben wir ohnehin eine 38-Stunden-Woche und das funktioniert problemlos. Es klingt nach keinem großen Unterschied, aber pro Monat macht das einen ganzen Tag aus.“ In einer Anil-Studie in Zusammenarbeit mit der Universität Luxemburg, die am 20. Oktober vorgestellt wurde, wurde neben Arbeitsinhalt, Behandlung durch Vorgesetzte oder auch Arbeitsvolumen, die Einstellung der Befragten bezüglich der aktuellen Arbeitszeiten ermittelt. „Wir haben uns immer gefragt, weshalb so viele Menschen aus dem Beruf aussteigen. Die Arbeitszeiten sind ein Grund von vielen.“

Theoretisch und praktisch

Sie sehe keinen Beruf in ihrer Branche, in dem eine Reduzierung „in der Theorie“ nicht möglich wäre. „Praktisch ist es natürlich eine andere Sache“. Ist es also mit Blick auf den akuten Personalmangel in der Gesundheitsbranche nicht utopisch, von verkürzten Arbeitszeiten zu sprechen? „Ich bin der Meinung, dass dieser Mangel kein Grund sein soll, warum wir andere Probleme nicht angehen.“ Sie sehe Menschen, die müde, ausgelaugt und erschöpft sind. „Wir können sie jedoch nicht weiter bis zum Äußersten belasten, nur weil wir zu wenig Personal haben. Würden sie weniger Stunden arbeiten, hätten sie mehr Freizeit und mehr Zeit, zur Ruhe zu kommen. Jemand, der zwar von den Schichten abgeschreckt ist, dafür aber flexibler und weniger arbeiten kann, entscheidet sich möglicherweise doch dafür, in dieser Branche Fuß fassen.“ Auch das Personal, das ab einem bestimmten Alter unter körperlichen Problemen leidet, sei für weniger Stunden dankbar.

Ein großes Problem sei der Dienstplan, der laut Koch allgemein zu spät herausgegeben wird. „Es stimmt, dass der Plan bereits einen Monat davor ausgedruckt wird, aber noch zehn Tage vor der neuen Einteilung können Änderungen vorgenommen werden. Wir haben keine Planungssicherheit und es ist ermüdend.“ Angesprochen auf das Feedback der Menschen aus der Branche, meint Koch: „Sie sind nicht negativ eingestellt, bleiben jedoch skeptisch. Einige fragen sich, wie die Arbeit bei einer Reduktion ohne zusätzliches Personal noch machbar sein wird, wenn es bereits jetzt nicht gelingt.“ Dennoch ist sie überzeugt, dass besonders junge Menschen von diesem Arbeitsmodell angezogen werden können. Tina Koch ist der Meinung, dass Gesundheits- und Pflegesektor bei eben genannten Diskussionen nicht gezielt angesprochen werden. „Es erstaunt mich, weil wir bereits bei einer 38-Stunden-Woche sind. Weniger und flexibel arbeiten ist möglich, auch im Pflegesektor.“ Eine weitere Reduzierung könnte also eine Option sein.

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