Die digitalen Marionettenfäden durchtrennen

Von Misch Pautsch

Wie bereiten wir die nächste Generation auf Desinformation im Internet vor? Um Desinformationskampagnen und Verschwörungsmythen zu widerstehen ist kritisches Denken im Netz heute mehr denn je unabdingbar – und bisher ein blinder Fleck im Schulsystem.

Digital Native zu sein bedeutet, in eine Welt hineingeboren zu werden, in der Miss- und Desinformation sich immer schneller, weiter und in neuen Formen verbreitet. Der Umgang mit diesen fehlleitenden Informationen wird niemandem mit in die Wiege gelegt. Die Wichtigkeit einer Medienbildung, deren selbsternanntes Ziel es ist, Menschen zu helfen, „sich als selbstbestimmte Persönlichkeiten in einer sich beständig verändernden Gesellschaft zurechtzufinden – und dies sowohl in medialen wie in nicht-medialen Welten“, ist für die Gesellschaft im „postfaktischen“ Zeitalter von zentraler Bedeutung.

Die Reichweite moderner Online-Desinformationskampagnen ist nicht nur während des Cambridge Analytica-Skandales um den Brexit klar geworden, oder während der US-Wahlen 2016, in denen Wähler*innen weisgemacht wurde, dass sie ihre Stimme per SMS abgeben können. Auch der amerikanische Trend, Pferde-Entwurmungsmittel nach einer Online- „Beratung“ für 90 Euro als Corona-Heilmittel trotz teilweise desaströser Nebenwirkungen zu schlucken oder spritzen offenbart die schier absurde Effizienz solcher Kampagnen. Die Bewegung hinter dem Pferde-Medikament illustriert die unterschiedlichen Achsen, die Desinformationskampagnen sich zunutze machen: Die Werbekampagne, an der sich die Scharlatane eine goldene Nase verdienen, wurde von „klassischen“ Medien wie Fox News aufgegriffen und weiterverbreitet. Leute, die auf den Betrug hineingefallen sind, haben somit weitere „Quellen“, die sie als Teil der Selbstläufer-Bewegung weiter teilen können. „Bitte nehmt keine Pferde-Entwurmungsmittel“ wurde somit zur Schlagzeile in mehr als einer Zeitung.

Puppenspieler

Weniger offensichtliche, aber die Gesellschaft nicht weniger spaltende Desinformation ist der aktuell in Deutschland grassierende Mythos, man brauche zum Einkaufen einen Impfpass (samt gefälschtem Zitat).Das Sharepic wurde trotz fehlender Quelle tausende Male geteilt: Futter für das Feuer sich unter Druck gesetzt fühlender Ungeimpfter.

Ist Desinformation erst in der Welt, ist sie kaum wieder einzudämmen und Leute, die in die Desinformationsspirale fallen sind kaum noch vom Gegenteil zu überzeugen. Prävention und die Bildung eines kritischen Geistes sind nicht nur die vielversprechendsten Mittel ihr entgegenzuwirken, sondern oft auch die einzigen.

Wie also werden Schüler*innen in Luxemburg auf diese Herkulesaufgabe vorbereitet? Bisher nicht gut, zeigt die 2018 von der IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement) publizierte Studie „International Computer and Information Literay“. Luxemburg war europaweit zweitletzter in der Kategorie „Computer and Information Literacy“, in der auch der Umgang mit fragwürdigen Informationen betrachtet wird: 51 Prozent der Luxemburger Schüler*innen erreichten nicht das nötige Mindestniveau „um digitale Werkzeuge und Gewohnheiten erfolgreich einzusetzen, um fundierte Entscheidungen im digitalen Zeitalter treffen zu können“, eine „zentrale Fähigkeit in der ‚Ära von Fake News‘“. In den „harten“ berufsorientierten Computer-Kompetenzen wie Programmieren, problemlösendem Denken oder dem Umgang mit Datenbanken schnitten wir noch schlechter ab: Luxemburg stand an letzter Stelle.

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