Wenn Politik zur Identität wird: Ist Polarisierung das neue Normal?
Von Alex Kuzmina, Lex Kleren Für Originaltext auf Englisch umschalten
Die politische Polarisierung scheint einen neuen Höchststand erreicht zu haben. Die Meinungen verhärten sich, Populismus ist auf dem Vormarsch, und Nuancen scheinen in der politischen Diskussion ihren Platz verloren zu haben. Da soziale Medien und digitale Plattformen zugänglicher sind als je zuvor, lassen sich Meinungen heute leicht verbreiten, bewerten und als Teil der eigenen Identität übernehmen. Aber ist wirklich alles schlecht … oder vielleicht doch nicht?
Da sich politische Identitäten verhärten und Algorithmen gesellschaftliche Spaltungen verstärken, warnen Expert*innen, dass demokratische Meinungsverschiedenheiten zunehmend durch gegenseitige Delegitimierung ersetzt werden. Christophe Lesschaeve, Postdoc und Politikwissenschaftler mit einem Masterabschluss in Politikwissenschaft und einer Promotion zur politischen Repräsentation, sieht einen möglichen Grund für diese Polarisierung darin, dass politische Meinungen heute stark mit der persönlichen Identität und unserem Selbstbild verknüpft sind. Lesschaeve beobachtet dabei eine "Verhärtung der Meinungen". "Ich glaube, dass viele Meinungen heute weniger auf Argumenten, Logik oder Beweisen beruhen, sondern stärker auf Identität. Für oder gegen etwas zu sein, ist so tief in der eigenen Identität verwurzelt, dass es schwerfällt, diese Haltung wieder aufzugeben."
Da politische Zugehörigkeit eng mit der persönlichen Identität verknüpft ist, fühlt sich eine Meinungsverschiedenheit nicht mehr wie ein gewöhnlicher politischer Streit an, sondern wie etwas Existenzielles. Wenn sich eine Wahlniederlage anfühlt, als würde man einen Teil von sich selbst verlieren, werden politische Gegner*innen nicht mehr als Rivalen, sondern als Bedrohung wahrgenommen.
Die Grenzen zwischen Meinung und Selbst verschwimmen also. Spielen digitale Plattformen dabei eine Rolle? Auf die Frage, ob soziale Medien ein Instrument für die Diskussion und Vermarktung politischer Perspektiven sind, antwortet Cecilia Said Vieira, Freiberuflerin für soziale Medien und Mitgestalterin der Kommunikation der déi gréng-Partei, dass für sie "soziale Medien eines der größten und wichtigsten Instrumente sind, die wir im Moment haben". Sie erklärt weiter, dass in der Politik Plattformen wie TikTok eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, Meinungen zu "verkaufen", zu verbreiten und zu vermitteln. Wenn es um die wachsende Polarisierung zwischen dem linken und dem rechten Ende des politischen Spektrums geht, hat die Rechte die Strategie, sich in der Online-Welt zu engagieren, auf monumentale Weise genutzt. "Wir haben gesehen, wie die extreme Rechte das gemacht hat. Sie verbreiten einfach Fehlinformationen, sie sprechen laut, sie sprechen die Sprache des Volkes."
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