Neun Millionen Neujahrswünsche in Belarus

Von Philippe SchockweilerLex Kleren Für Originaltext auf Englisch umschalten

In Belarus, dem Binnenstaat zwischen Polen und Russland, herrschen seit einem beispiellosen halben Jahr friedliche Proteste und Streiks gegen den autokratischen, selbsternannten Präsidenten Alexander Lukaschenko. Wir haben mit Aktivist*innen in Belarus und Luxemburg darüber gesprochen, was sie vom neuen Jahr erwarten.

Lukaschenko erklärte sich selbst zum Sieger dessen, was unabhängige Beobachtende und Meinungsforschende zum ersten Mal in der Geschichte des Landes als enges Rennen bezeichnet hatten. Nach massivem Wahlbetrug, verschwundenen Stimmzetteln und der unmittelbaren Erpressung und Ausweisung der Spitzenkandidatin Swetlana Tichanowskaja, bildeten sich im ganzen Land friedliche Proteste. Seitdem werden die Demonstrierenden von der Polizei und militarisierten Kräften verfolgt und gejagt. In sechs Monaten wurden fast 100.000 Menschen inhaftiert. Umfassende Berichte über Folter, Vergewaltigung und brutale Prügel in Gefängnissen, Polizeistationen und Gefangenentransportern wurden  von unabhängigen Menschenrechtsorganisationen außerhalb von Belarus bestätigt. Ein neuer Tiefpunkt, selbst für jemanden wie Lukaschenko, wurde letzte Woche erreicht, als sein oberster Sicherheitschef öffentlich und schamlos die Idee des Baus eines Konzentrationslagers äußerte. Doch der Protest in Belarus geht weiter, nicht nur innerhalb des Landes, sondern auch außerhalb der ehemaligen Sowjetrepublik. In Luxemburg versammeln sie sich jeden Samstag auf der Place Guillaume, gehüllt in weiß-rot-weiße Pahonja-Banner.

Nur ein paar Hundert Belaruss*innen leben in Luxemburg. Einige von ihnen arbeiten für Institutionen oder im Finanzwesen - aber alle verfolgen die Revolution in Belarus bequem von ihrer neuen Heimat aus. Eine neue Heimat, in der nicht befürchtet werden muss, gleich morgens nach dem Verlassen des Hauses verhaftet zu werden. Ein neues Zuhause, gespenstisch ruhig, bis ein schrilles Geräusch einer Smartphone-Benachrichtigung die unheimliche Stille in Panik verwandelt: „Was ist passiert? Wurde ein Verwandter verhaftet? Verprügelt die Polizei wieder Leute, rollen  gepanzerte Fahrzeuge durch die Straßen?” Selbst im Ausland ist es für Belaruss*innen schwer, der Gewalt und den Fängen des Regimes zu entkommen.

Ein ständiger Angstzustand

Die im Ausland lebenden Belaruss*innen - oder „die Diaspora”, wie sie sich selbst gerne nennen, haben die Stille und die Ruhe ihres neuen Zuhauses aufgegeben: Wohnzimmer werden zu mobilen Wahlkampfzentralen und virtuellen Treffpunkten für Regimkritiker*innen. Eine von ihnen ist Lia Maisuradze, die in Luxemburg lebt und zur inoffiziellen, charismatischen Anführerin der belarussischen Volksbewegung im Großherzogtum wurde. Lia ist nicht gerade eine Berufspolitikerin oder eine Aktivistin.  Der letzte Sommer hat ihr Leben jedoch auf den Kopf gestellt: „Ich bin schon etwas länger dabei als er”, kichert sie. Mit „er” meint sie natürlich Lukaschenko, der das Land seit 1994 regiert. Lia wurde 1989 als Kind belarussischer und georgischer Eltern geboren,  also gegen Ende  der Sowjetunion, als Glasnost und Perestroika die stagnierende Wirtschaft der einst so glorreichen Union nicht mehr an’s Laufen bekamen.

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