Zwischen Frühpension, Versetzungen und Protesten veränderte die Stahlkrise ab den 1970er-Jahren den Alltag tausender Menschen, während zentrale Entscheidungen eigentlich auf europäischer Ebene fielen. Im Gespräch mit Zoé Konsbruck und Nicolas Arendt zeigt sich, wie ein ganzes Selbstverständnis ins Wanken geriet und der industrielle Neuanfang ausgerechnet in einer ehemaligen DDR-Hütte Fuß fasste.
Am 6. November 1977 zogen in Düdelingen mehrere tausend Menschen durch die Straßen. Angelehnt an das nationale Motto des "Mir wëlle bleiwe wat mir sinn" wollten die Düdelinger Demonstrierenden, dass "Diddeleng Diddeleng bleiwe soll."
Vorangetrieben vom damaligen Düdelinger Bürgermeister, Nicolas Birtz, stellte die Gemeinde jenen, die mitmarschierten, sogar Banner zur Verfügung. So erzählt es dem Lëtzebuerger Journal Zoé Konsbruck, Doktorandin am Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH). Dem Gespräch wohnt auch Nicolas Arendt bei, ebenfalls Doktorand an der Universität Luxemburg. In den letzten Jahren haben die beiden sich aus zwei unterschiedlichen Perspektiven mit der Deindustrialisierung Luxemburgs und deren Auswirkungen seit den 70er-Jahren bis in die 2000er auseinandergesetzt.
Die Aktion in Düdelingen richtete sich gegen die Erwägung der Arbed, während des ersten Höhepunkts der Stahlkrise die Hochöfen der Düdelinger Hütte schließen zu lassen – und war doch mehr als das. In Parolen wie etwa "Honnert Joer geschafft fir d'Land an den Aktionnär" verdichtete sich ein Selbstverständnis, das viele in Luxemburg teilten: dass der Wohlstand des Landes ohne die Stahlindustrie nicht denkbar gewesen wäre. "Interessant zu sehen ist, dass [die Stahlkrise] der Moment ist, in dem sich das Narrativ, dass die Stahlindustrie den Reichtum des Landes verkörpert, besonders stark durchsetzt. Dieses Narrativ wurde von der Arbed selbst genutzt, um zu rechtfertigen, dass so viele öffentliche Gelder für die Modernisierung und Restrukturierung verwendet werden. Es ist im Grunde das erste Mal, dass dieses Narrativ wirklich bewusst instrumentalisiert wird", so Arendt. "Und auch die Arbeiter selbst nutzen dieses Argument aktiv. Dass sie diejenigen sind, die die Wirtschaft vorangebracht haben. Und deshalb hätten sie jetzt auch Unterstützung verdient – von allen. Denn ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen. Das ist gewissermaßen ein erster Höhepunkt dieses gesamten Narratives vom 'Reichtum des Landes', das sich in dieser Zeit herausbildet."
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