Heilende Nadelstiche

Von Laura TomassiniMartine Pinnel

Während Narben im Sprichwort sexy machen, empfinden Brustkrebspatient*innen sie als alles andere als attraktiv. Für die meisten von ihnen sind die Hautveränderungen Erinnerungen an unschöne Zeiten, die lieber in Vergessenheit geraten sollten. Für sie, aber auch andere, kann dieser Wunsch in Erfüllung gehen, denn Tattoos und Pigmentierung schaffen Linderung – und natürlich aussehende Nippel.

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Vor etwa 15 Jahren kam Sandra Biewers zum ersten Mal in Kontakt mit den ästhetischen Nachwehen von Brustkrebs. Damals erschien eine Kundin bei ihr im Tattoo-Studio, um sich nach ihrer Brustamputation neue Nippel mitsamt Areola, also dem darum liegenden Warzenhof, stechen zu lassen. „Bei der Frau waren mehrere Hauttransplantationen durchgeführt worden, so dass sie teilweise Hautstücke in unterschiedlichen Farben auf der Brust hatte und darum heftige Narben“, erinnert sich Sandra. Die Tätowiererin kreierte auf dem vernarbten Gewebe also neue Brustwarzen, die sie mit künstlerischen Schnörkeln verschönerte.

„Der Ausdruck, den sie danach im Gesicht hatte, als sie das Resultat das erste Mal im Spiegel sah, hat mich total geflasht. Es war, als ob ich ihr etwas zurückgegeben hatte. Das werde ich nie vergessen“, so Sandra. Die Künstlerin fühlte sich zwar geehrt, gleichzeitig spürte sie aber auch ihre eigene Unreife, denn das Tätowieren von Krebspatient*innen ist weitaus mehr als reine Nadelstiche. „Es steckt sehr viel Trauma dahinter, deshalb muss man dem als Künstler auch gewachsen sein“, meint die heute 38-Jährige. Das Thema ließ Sandra nicht mehr los, als sie jedoch vor einigen Jahren an einem Tattoo-Gipfeltreffen in Amerika teilnahm und wiederum darauf stieß, merkte sie, dass sie immer noch nicht bereit dafür war.

Jahrelang nicht in den Spiegel sehen

Erst kurz vor der Corona-Krise kam schließlich der richtige Klick und Sandra schickte ihre Bewerbungsmappe beim Sauler Institute of Tattooing in Amerika ein, um hier die Kunst des medizinischen Tätowierens zu erlernen. Nach etwas Verzögerung aufgrund der Pandemie flog sie diesen Februar in die USA und absolvierte hier den mehrtägigen Kurs. „Ich war eine Woche lang im Institut, wo uns anfangs Fotos von Brustkrebspatientinnen gezeigt und die Amputationsoperation genau erklärt wurde.“ Als Künstler*in solle man nach der Ausbildung direkt erkennen, ob bei Kund*innen eine Bestrahlung gemacht wurde, ob es einen Brustaufbau mit Silikon nach der Mastektomie, also Brustamputation, gegeben hat und wie der Zustand der Vernarbungen zum Zeitpunkt des Tattoo-Termins ist, denn all diese Faktoren spielen eine Rolle, wenn es um die benötigte Technik geht.

Nach Farb-Theorie, medizinischen Hintergrundinfos und viel Übung auf Papier war es dann endlich so weit und Sandra durfte ihre erste Brustkrebspatientin seit Erlangen des Fachwissens tätowieren. Die Reaktionen der anwesenden „Testkandidatinnen“ waren dabei so unterschiedlich wie die Frauen selbst: „Im best case scenario würde man ja erwarten, dass die Frauen einem vor Freude um den Hals fallen, das ist aber absolut nicht immer der Fall. Von den drei Anwesenden hatte sich die erste seit Jahren nicht mehr im Spiegel angeschaut und hätte man es nicht besser gewusst, hätte man aufgrund ihrer Reaktion gedacht, sie hasse das Resultat, denn sie schaltete direkt in den Fluchtmodus, wollte bezahlen und gehen, was ich jetzt auch verstehe.“ Die zweite Dame habe relativ gelassen reagiert und sich über die neuen Brustwarzen gefreut, während Sandras eigene Kundin eher gemischte Gefühle offenbarte.

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