Die Zukunft im Rucksack

Von Misch Pautsch

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Ein Platz am Esstisch und ein Bett zum Schlafen: Ein Tag in der „Wanteraktioun“, wo auch die Schwächsten der Gesellschaft Mensch sein dürfen.

In den Straßen Luxemburgs riskieren jedes Jahr Obdachlose zu erfrieren, obschon es laut Internationalem Währungsfonds (IMF) das Land mit dem höchsten Bruttoinlandprodukt pro Kopf der Welt ist. In der „Wanteraktioun“ finden viele dieser schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft nicht nur Schutz vor der Kälte, sondern auch menschliche Wärme.

In der Kantine der „Wanteraktioun“ (WAK) herrscht Ruhe. Die Leute essen. Hier klirrt eine Gabel, da zischt eine Wasserflasche, im Hintergrund gedämpfte Dialogfragmente eines Filmes, die aus der „Salle de repos“ neben dem Esszimmer dringen. Durch das große Fenster hinter der Essensausgabe ist ein Mann mit Rucksack erkennbar, der auf sein Handy einredet, schwerfällig im Kreis laufend. Er spricht, wie er später erzählen wird, mit seiner Frau, die in einer „chambre meublée“ wohnt. Kurz darauf bittet ihn eine Person in das Nebengebäude, wir werden ihn beim Herauskommen wiedertreffen. „Vergleichsweise wenig Betrieb, heute“ sagt einer der Security-Leute, die Daumen locker hinter die Träger seiner Schutzweste geklemmt – Standardequipment, momentan scheinbar mehr Formsache als wirklich nötige Überlebensausrüstung.

Alle paar Minuten wird die relative Stille des Ortes durch das wohlvertraute Piepsen eines Metalldetektors zerrissen, das einen weiteren leeren Magen ankündigt. Der Wachmann scherzt: „Pistole? Kalaschnikow?“. Small Talk lässt die Machtdistanz zwischen Durchsuchendem und Durchsuchtem schrumpfen, während Sporttaschen, Rucksäcke und wiederverwertete Einkaufstüten überprüft werden. In ihnen sind oft die gesamten Besitztümer der Besucher*innen der WAK verstaut. Keine Pistole. Keine Kalaschnikow. Auch kein Fieber bestätigt ein zweites Piepsen. Der Mann darf rein, er kennt den Weg zur Küche.

„Die Besucher können manchmal kompliziert sein, öfter sind sie aber einfach missverstanden. Für den Job brauchen wir natürlich eine gewisse physische Präsenz“, erklärt der Wachmann an der Tür, gut zwei Meter groß, nachdem er einen neuen Besucher durchwinkt. Tagsüber sind immer sechs Security-Leute vor Ort, nachts drei. Sie seien nicht hier, um Leute auszuschließen, sondern um zu informieren, durch Anwesenheit präventiv Spannungen zu entschärfen, erklärt der Hüne. „Wie oft das nötig ist, hängt von der Uhrzeit ab. Jetzt, zur Mittagszeit, ist es meist ruhig.“ Abends erscheinen manche Leute betrunken, vor allem um Weihnachten, da sie Probleme wegtrinken wollen und der Kontrast zum „normalen“ Leben noch spürbarer wird. Dass der Mann sieben Sprachen spricht hilft, die oft missverstandenen Besucher zu verstehen, wenn schon nicht im übertragenen Sinne des Wortes, dann doch immerhin im ersten. 

Denn die Besucher*innen der WAK sind divers: Rund 120 Personen aller möglichen Hintergründe suchen durchschnittlich Mitte Dezember jeden Abend in den Betten des Nachtfoyers Zuflucht vor der Winterkälte. Manche kommen einmal, andere jeden Abend. Noch ist es relativ warm, fallen die Temperaturen weiter, rechnet der Nachtfoyer-Organisator Caritas damit, dass die Zahlen steigen: Insgesamt 250 Betten stehen bereit, möglichst weit auseinandergestellt. An den „Mittagstisch“ des Tagesfoyers, organisiert vom Roten Kreuz, setzen sich aktuell täglich zwischen rund 60 bis 90 Personen, mehr am Wochenende und wenn die „Stëmm vun der Strooss“ nicht geöffnet hat.

Papiertiger mit Zähnen

Oft sind die Leute, die hier essen, nicht die Gleichen, wie die, die hier schlafen, erklärt Diana Pereira. Sie vertritt vor Ort die Caritas, die das Nachtfoyer organisiert: „Wir empfangen viele Leute, die zwar ein Dach über dem Kopf haben, deren Einkommen aber nicht reicht, um sich jeden Tag Essen zu kaufen oder umgekehrt.“ Viele der Anwesenden seien „Working Poor“, die sich meist von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag hangeln, um mehr schlecht als recht über die Runden zu kommen. Von ihnen waren viele im Horeca-Sektor aktiv, welcher besonders hart von den coronabedingten Einschränkungen getroffen ist, erklärt Pereira. „Da ein Mietvertrag ein unbefristetes Arbeitsverhältnis voraussetzt, ist es für viele bereits vor der Pandemie fast unmöglich gewesen, Fuß zu fassen.“ Die Leute stehen vor bürokratischen Hürden, die selbst mit der Hilfe von Sozialarbeiter*innen nur schwer zu lösen sind: Oft ist es ein sisyphusartiges Zusammenkratzen von Dokumenten, die sich manchmal in einem logischen Zirkelschluss gegenseitig voraussetzen. Eine Teufelsspirale aus Arbeits- und Adresslosigkeit, sozialer Isolation und bürokratischer Schnitzeljagd hält Menschen auf der Straße gefangen. Und pauschale Lösungen gibt es keine, denn hinter jedem Schicksal steckt eine individuelle Geschichte, die individuelle Lösungen voraussetzt.

In Luxemburg haben laut Statec im vergangenen Jahr 17,5 Prozent der Bevölkerung riskiert, arm zu werden. Sie verdienen also weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens. 12,1 Prozent der Bevölkerung riskiert Armut, obschon sie sich in einem Arbeitsverhältnis befinden. Beide Zahlen tendieren konstant nach oben. Besonders betroffen sind mit 40,3 Prozent alleinerziehende Eltern, Bildungshintergrund und Herkunft sind andere wichtige Faktoren. Die Dunkelziffer der Personen, die hier nicht erfasst sind, ist besonders problematisch, denn die Lücken im System machen es ganz spezifisch für genau diese blind. Die Leute fallen durch das Netz, auch in Umfragen. In der WAK äußert sich diese Zahl in 28.635 individuellen Übernachtungen, die vergangenes Jahr während der auf sechs Monate verlängerten Öffnungsperiode festgehalten wurden und 27.545 verteilten Mahlzeiten.

Venn Diagramme

Viele Leute übernachten ab und an in der WAK, kommen zeitweise anderswo unter. Andere sind immer im Gebäude, wenn möglich. Manuel ist einer der Letzteren, schläft jede Nacht hier. Er hat grade nach einem Gespräch das Nebengebäude verlassen, in der Hand ein Dokument, das belegt, dass er dieses Jahr hier „wohnt“. Als feste Adresse zählt die WAK allerdings nicht. Während wir in den Bus Richtung Bahnhof steigen, heftet er das Blatt in einen Ordner zwischen eine „Demande en obtention d’une allocation de vie chère“– das Feld, das nach einer Adresse fragt, ist noch blank –, und ein Röntgenbild, das zwei künstliche Hüftgelenke und mehrere Schrauben entlang der Wirbelsäule zeigt. Er lebe seit 17 Jahren in Luxemburg, erklärt Manuel und könne seit Januar nicht mehr arbeiten. Seine Situation ist, wie bei fast allen Besucher*innen der WAK, komplex, sein Lebenslauf ein Zick-Zack-Muster: „Meine Ehefrau kommt von außerhalb der EU und braucht so schnell wie möglich neue Aufenthaltspapiere. Dafür müssten wir eine gemeinsame Adresse besitzen.“ Eine Adresse, die er nicht mehr besitzt, weil ihm ein unzulässiger Mietvertrag ausgeschrieben worden sei. Nicht nur er, sondern drei weitere Personen sollen Papiere für die gleiche Wohnung ausgestellt bekommen haben.

Manuel

Als die Gemeinde davon erfahren habe, erinnert sich Manuel, sei kurzer Prozess gemacht worden: illegale Verträge, klassischer Fall, null und nichtig. Seither lebt er auf der Straße. Die „chambre meublée“ in der seine Ehefrau lebt, sei nur für eine Person eingetragen und die Vermieter seien sehr hellhörig. Dort unterzukommen könnte den Rausschmiss für seine Partnerin bedeuten, die selbst weniger als den Mindestlohn verdient. Umziehen erlaubt das Budget nicht. Manuel hofft auf Invalidenrente, aber Besuche der ärztlichen Sprechstunde sind schwierig. Die Probleme schaukeln sich gegenseitig hoch: „Ich habe mir meinen Körper bei der Arbeit zerstört und besitze heute gar nichts mehr. Ich glaubte, Freunde zu haben, aber wo sind sie jetzt?“. Er breitet die Arme aus, schaut sich um. „Wissen Sie, ich laufe oft über den ‚Pont Adolphe‘ und sage mir: ‚Nein, andere Leute haben’s schwerer‘. Und ich danke Gott, dass es das Foyer gibt.“ Am Hauptbahnhof steigt er aus, die neuen Papiere sind im Rucksack verstaut. Das nächste Ziel ist eine Fachkraft für soziale Arbeit, wo er hofft zu erfahren, wie es in Zukunft weitergehen wird. „Sonst habe ich wirklich keine Ahnung mehr, was ich machen soll.“ Er bricht auf Richtung Hamilius.

Nachmittag

Zurück in der WAK neigt sich das Mittagessen dem Ende zu. Tabletts werden zurückgebracht, Kaffees verteilt und die freiwilligen Mitarbeiter*innen des Roten Kreuzes wenden sich dem Abwasch zu. Genau wie die Personen, die hier essen und schlafen, sind auch die Freiwilligen eine diverse Truppe, die sich sichtlich gut untereinander versteht. Jenny stand heute an der Essensausgabe, Eric war eher hinter den Kulissen in der Küche aktiv. Die Aufgaben werden täglich neu verteilt, je nachdem, was die Leute an dem Tag machen wollen. Nur am ersten Tag steht für alle Neuankömmlinge dieselbe Aufgabe auf dem Programm: Essensausgabe. Hier soll jede*r rausfinden, ob das freiwillige Helfen das Richtige für ihn oder sie ist. Fast immer ist es das: „Die Atmosphäre ist super“, freut sich Eric: „Innerhalb des Teams sind wir sehr familiär. Auch die Beziehung zwischen den Freiwilligen und den Leuten, die hier essen und schlafen, ist irgendwo zwischen freundschaftlich und professionell. Manche kennen wir natürlich gut, andere weniger.“ Jenny ergänzt: „Und, wir sind sehr gut umrahmt, falls es ein Problem gibt, können wir uns jederzeit an die Organisation wenden.“

Während beide im Umgang mit den Bewohner*innen der WAK oft mit harten Schicksalen konfrontiert sind, gelingt es ihnen generell, die Grenzen zwischen freiwilliger Arbeit und privatem Leben zu ziehen. Nicht zuletzt, weil das Personal großen Wert darauf legt, dass die Grenzen nicht verschwimmen, sagt Rachel des Roten Kreuzes, die dieses Jahr das Tagesfoyer mitorganisiert: „Man muss sich immer klar machen, dass wir es eigentlich sind, die hier bei den Leuten ‚zu Hause‘ zu Besuch sind. Sie kommen nicht zu uns, vielmehr kommen wir zu ihnen. Sie schlafen hier, sie haben hier ihre Bezugspersonen.“ Menschlicher Kontakt zu den Personen ist neben der Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse das wohl wichtigste Gut, das die WAK bietet.

Während die Covid-Pandemie einen Großteil der Arbeit der WAK nur oberflächlich beeinflusst – hier arbeiten Problemlöser*innen– und sie es in den Köpfen vieler Leute, die hier leben, oft nicht in die Top-10 ihrer Probleme schafft, ist es genau diese wichtige Menschlichkeit, die unter ihr leidet: Denn vermisst werden vor allem gemeinsame Aktivitäten, die in den Vorjahren nicht nur geholfen haben, soziale Isolation zu lindern und soziale Fähigkeiten zu schärfen. Sie konnten auch konkret dabei helfen, sich aus dem Teufelskreis zu befreien: Sprachkurse, Lebenslauf und Motivationsschreiben verfassen, all das musste dieses Jahr gestrichen werden, obwohl es Erfolg brachte.

Jenny

Eric

Ersetzt wurde das reiche Programm durch die „Salle de repos“, in der die Besucher*innen sich Filme anschauen können und sich einfach einen Moment Ruhe gönnen dürfen. „Vor allem am Anfang war es nicht immer einfach, den Leuten zu erklären, warum die Aktivitäten dieses Jahr nicht stattfinden“, erinnert sich Rachel: „Einfach, weil sie oft keinen Zugang zu diesen Informationen haben. Hier mussten wir noch Aufklärungsarbeit leisten.“ Eine handgeschriebene Tafel neben der Essensticket-Ausgabe gibt darum nun die aktuellen Infektions- und Todeszahlen an. Sie wird täglich aktualisiert, spätestens, wenn einer der Besucher*innen nachfragt, „wie denn die Zahlen heute aussehen“, sagt Catia Gomes, die für Inter-Actions arbeitet. Nachdem die Situation im Frühjahr sehr überraschend hereingebrochen war, ist die WAK einer der Orte, der sich ernsthaft auf eine zweite Welle vorbereitet hat und diese nun den Umständen entsprechend gut meistert. Rund zweihundert Masken werden täglich verteilt, zusammen mit anderen Hygieneprodukten wie Zahnbürsten und Seife. Wartet eine Person auf ein Ergebnis, wird sie im zweiten Gebäude isoliert, positive Fälle werden hingegen in anderen Räumlichkeiten des Roten Kreuzes in Quarantäne gesetzt. Rund 50 Personen waren seit Anfang des Jahres Verdachtsfälle, etwa 10 davon, seit die WAK am 16. November ihre Türen aufgemacht hat.

Was scheinbar alle Personen, Besucher*innen, Personal und Freiwillige gemeinsam haben, ist, dass sie froh sind, dass dieser Ort existiert und gleichzeitig hoffen, dass er eines Tages nicht mehr existieren muss. Bis dahin, sagen Eric und Jenny, können sie allen nur empfehlen, mindestens einmal freiwillig hier zu arbeiten. Achtung: Laut Diana kommen Freiwillige fast nie nur einmal.