Die Stärke einer Mutter

Von Laura TomassiniTammy Schuh

Während andere Mütter ihren Kindern beim sorglosen Spiel im Garten zusehen, musste Irina Viktorenko ihre kleine Solomyia vor fünf Monaten aus ihrer heilen Welt herausreißen, um sie vor Krieg und Zerstörung in Sicherheit zu bringen. Nicht zum ersten Mal muss die zweiköpfige Familie ihr Leben von Grund auf neu aufbauen – diesmal jedoch hoffentlich nicht für immer.

„Ich bin eine starke Frau, das weiß ich, aber ich hätte nie gedacht, dass ich das hier tun kann.“ Immer wieder wird Irina Viktorenko während des Interviews von ihren Gefühlen eingeholt. Mit ihrer kleinen Tochter Solomyia im Arm und halb lächelnden, halb weinenden Augen, erzählt die 39-Jährige von ihrem Leben vor dem Krieg, der Flucht aus der Ukraine und den Geräuschen, die sie seither zusammenzucken lassen. Man hatte sie und ihre Landsleute zwar via Fernsehen über eine mögliche Eskalation der Situation mit Russland gewarnt, glauben wollte Irina den Horrornachrichten jedoch erst, als die ersten Bomben bereits fielen.

„Man hatte uns gesagt, wir sollen einen Koffer bereithalten, für den Fall, dass Russland angreifen würde. Als es am 24. Februar losging, hatte ich jedoch noch gar nichts bereit, weil alles so unrealistisch wirkte. Ich war total verwirrt und in Panik“, schildert Irina. Heute ist sie in Luxemburg und in Sicherheit, Solomyia spielt unbekümmert mit ihrer Puppe und von draußen hallt friedliches Vogelgezwitscher hinein, statt die alles erschütternden Knalle von Explosionen. Der Schock ihrer Flucht sitzt der Ukrainerin jedoch tief in den Knochen. „Ich kann das Geräusch der Raketen nicht mehr vergessen und jedes Mal, wenn ein Helikopter über uns fliegt, holt dies die negativen Erinnerungen wieder hoch.“

Ein Leben in der Natur

Irina würde gerne wieder in ihre Heimat zurückkehren, in die Stadt, in der sie ein Leben aufgebaut hat, für sich und ihre Tochter. „Ich war glücklich mit meinem Leben. Ich hatte einen Job, mein Kind, eine Wohnung – alles war komplett. Natürlich gab es da auch Träume und Ziele, mein Ex-Mann hatte nach unserer Scheidung den Wagen behalten und ich plante, mir irgendwann einen neuen zu kaufen. Aber das sind alles Kleinigkeiten und Nichts, was dem nahekommt, was wir durch den Krieg erleben“, so die 39-Jährige. Ihre Wohnung in Wyschhorod nur einige Kilometer außerhalb von Kyjiw befindet sich in einem neuen Gebäude mit 20 Stockwerken. Die Lage direkt am Wald nutzte Irina fast täglich, um ihren Gedanken beim Spazieren freien Lauf zu lassen und die Ruhe der Natur zu genießen.

„Vor der Arbeit habe ich es geliebt, draußen Positivität zu tanken und den Vögeln zuzuhören. Solomyias beste Freundin lebt im gleichen Gebäude, so dass die beiden abwechselnd bei uns oder bei ihren Eltern spielen konnten.“ Sie selbst sei eigentlich in Nowa Kachowka am linken Ufer des Dnepr-Fluss im Süden der Ukraine aufgewachsen und habe da bereits gelernt, ihre Umgebung zu schätzen. „Von wo ich herkomme, gibt es einen wunderschönen Park und natürliche Quellen. Es ist eine herrliche Stadt, in der es jedoch leider schwer ist, eine Arbeit zu finden, deshalb bin ich näher an die Hauptstadt gezogen“, so Irina.

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