Bonsais aus Pandoras Büchse

Von Misch Pautsch

Fun Fact: In Luxemburgs Wäldern stehen Hunderttausende natürliche Bonsai-Bäume. Die Frage, wie es dazu kommt ist ein Stich ins Wespennest. Denn sie kann nicht beantwortet werden, ohne über Wildbestände zu reden. Und damit unumgänglich auch über die Jagd.

Beim Spaziergang durch den Wald fallen die natürlichen Bonsais kaum auf, weil die kleinen heckenartigen Gewächse sich erst bei genauerem Hinschauen als deutlich ältere Bäume entpuppen, als sie den Anschein erwecken. Miniatur-Bäumen, die – genau wie menschengemachte Bonsais auch – eigentlich normal groß werden könnten, würden nicht ständig die neu gewachsenen Triebe entfernt. Sei es nun in pingeliger, liebevoller Handarbeit, oder wie hier in freier Wildbahn, durch das Wild. Es hätte ein gemütlicher Trivia-Artikel sein können: Dazu einige Zahlen, die das Biodiversitätsproblem vorstellen, das sich durch selektiven Verbiss – also das Abbeißen von Knospen, Zweigen und Blättern von bestimmten Pflanzen – ergibt, eine Darstellung der langfristigen Probleme selbsterhaltender Monokulturen, die wir bereits jetzt spüren, ein Gespräch mit einem Förster, einige Lösungsvorschläge. Und eine Bildergalerie besonders schöner Mini-Bäume. Feierabend. Aber Pandoras Büchse war geöffnet. Und sie ist gefüllt mit Bonsais.

Denn wer nach „Wildschaden“ fragt, bekommt „Jagd“ als Antwort. Und den gut gemeinten, aber nachdrücklichen Hinweis, dass das mit dem „Wildschaden“ wirklich nicht so einfach ist. Und das mit der Jagd schon gar nicht. 36 Gruppierungen waren an der Anpassung des Jagdgesetzes im Jahr 2011 beteiligt, von Landwirt*innen über Veganismus-Vereinigungen, Förster*innen, Landbesitzer*innen bis hin zu den Jäger*innen. Alle mit Ihren eigenen Auffassungen und einige kompromissbereiter als andere. Wie bei jeder guten Kontroverse sind des Pudels Kern: zu viele Emotionen, Geld und zu wenig Zahlen. Zu den Emotionen: Rezent ist die Frage nach der Jagd im Rahmen der Covid-19-Einschränkungen zum politischen Hot-Topic geworden, nachdem Umweltministerin Carole Dieschbourg (déi gréng) die Drückjagd, zusammen mit weiteren „Freizeitbeschäftigungen“, temporär untersagt hatte. Das Verbot selbst stieß auf Widerstand – auch weil Jäger*innen für entstandene Wildschäden aufkommen müssen. Besonders aber die Wortwahl der „Jagd als Freizeitbeschäftigung“ blieb nicht unkommentiert. Der entblößte Nerv braucht keine Erklärung: Man schießt auf Tiere, das wird Leuten nie egal sein.

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