Kolonialer Fetisch

Von Jeff Mannes

Rassismen machen auch vor der Sexualität nicht halt: Eine Untersuchung zum „Black History Month“, wie Fantasien aus der Kolonialzeit unsere Sexualität beeinflussen.

[Trigger-Warnung: Dieser Artikel enthält Beschreibungen von rassistischen und sexualisierten Erfahrungen, die auf manche (re-)traumatisierend wirken können.]

Luxemburg hat ein Rassismus-Problem. Mehr als jede*r zweite schwarze Luxemburger*in gab an, in den fünf Jahren vor Veröffentlichung der Studie „Being Black in the EU“ im Jahr 2018 hierzulande bereits rassistisch beleidigt worden zu sein. Mit 52 Prozent lag Luxemburg damit auf dem traurigen zweiten Platz der zwölf verglichenen EU-Länder und weit über dem Durchschnitt von 30 Prozent. Sogar 70 Prozent gaben an, aufgrund ihrer Hautfarbe oder (wahrgenommenen) Herkunft benachteiligt worden zu sein (im Vergleich zu 39 Prozent im europäischen Durchschnitt).

„Seit wann lassen wir Schwarze ins ‚Classique’?“ Es sind solche Sätze, die man laut der im November 2019 stattgefundenen Konferenz „Being Black in Luxembourg“ als schwarze Person im Großherzogtum zu hören bekommt. „Du hörst solche Sachen wie ‚Ausländer brauchen wir. Aber nicht die Schwarzen, nicht die aus Afrika’“, erzählt ein Teilnehmer in einer viel beachteten Folge des luxemburgischen Podcasts „paus.“, die im Rahmen der Black-Lives-Matter-Bewegung vergangenes Jahr ausschließlich schwarze Menschen zu Wort kommen ließ.

Neben diesem expliziten Rassismus gibt es aber auch nicht so offensichtliche Formen von Rassismus. „Man hört das auch von Personen, die dich eigentlich mögen und das nett meinen,“ meint eine andere Person im Podcast, die wegen ihrer langen krausen Haare in der Schule oft Tarzan genannt wurde. „Aber man sollte wissen, dass es das nicht ist. Es ist nur in dem Sinne nett gemeint, dass man von oben auf uns herabschaut, uns vielleicht als ‚süß‘ betrachtet, als wären wir Puppen. Es ist entmenschlichend.“ Sie habe keine Lust, in Luxemburg neue Menschen kennenzulernen, denn man sei sofort wieder mit diesen Formen von Rassismus konfrontiert.

Black History Month

Das Unwissen über diese Rassismen ist der Grund, warum so viele Menschen ein falsches Bild von Rassismus (und darüber hinaus auch von anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wie Sexismus, Behindertenfeindlichkeit oder Queerfeindlichkeit) haben und sowohl defensiv als auch leugnend reagieren, wenn sie auf rassistische Aussagen oder Handlungen aufmerksam gemacht werden. Rassismus ist in ihren Augen eine Eigenschaft einiger weniger Menschen mit bösen Absichten und nicht das, was es laut Sozialwissenschaftler*innen wirklich ist: Ein uraltes System aus Überzeugungen, das gesellschaftlich institutionalisiert und individuell verinnerlicht ist. Es ist institutionalisiert, weil es historisch und sozial betrachtet alle gesellschaftlichen Institutionen, von der Familie bis hin zum Staat, durchzieht. Und es ist verinnerlicht, weil es von jedem Einzelnen von uns über unsere Sozialisierung unbewusst internalisiert und damit folglich auch von jeder einzelner Person oft unbewusst reproduziert wird. Es ist deswegen die Aufgabe von allen, nicht leugnend zu reagieren, wenn auf rassistische Aussagen aufmerksam gemacht wird, sondern es als eine Lernmöglichkeit zu begreifen, den eigenen verinnerlichten Rassismus wieder zu verlernen.

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