In der Zwickmühle

Von Philippe Schockweiler Für Originaltext auf Englisch umschalten

Das Volk der Roma in der Ukraine ist ein unverzichtbarer Teil des Landes. Von den dort 400.000 Roma leben etwa 50.000 in der Oblast Zakarpattia mit ihrer Hauptstadt Uzhgorod. Die Herausforderungen, mit denen sie auf der Flucht vor dem Krieg konfrontiert sind, sind herzzerreißend, ebenso wie die Herausforderung, zurückzubleiben. Das Lëtzebuerger Journal auf Erkundungsreise zwischen Brüssel, Prag und der Ukraine.

Prag Hauptbahnhof Ende Mai 2022: Ein kleiner, alter, muffiger Wartesaal wurde in ein Informationszentrum für Geflüchtete umgewandelt. Einige Zelte mit Roma-Hilfsschaltern sind darin aufgestellt. Auf einer holzgeschnitzten Bank schläft ein Roma-Mann, der sich eine scharlachrote Decke halb über den Kopf gezogen hat und in einer unheimlichen Position verharrt, wie ein leidender Mann in einem Gemälde von Hieronymus Bosch. Neben ihm schläft ein Junge, mit dem Gesicht nach unten, friedlich, mit zwei Engeln aus Granit über ihm, die die alte Bahnhofsuhr zieren. Die Zeit steht still, die Uhr funktioniert nicht, sie ist mit Staub bedeckt, und die Geschichte wiederholt sich immer und immer wieder. Die Menschen sitzen und schlafen auf Papieren und ausrangierten Kartons, es ist früh am Morgen und die Freiwilligen warten auf die nächste Welle. Die Nächte bieten den meisten Roma hier wenig Schlaf. Jede Nacht werden sie unter dem Gebrüll der privaten Sicherheitsleute in die Züge getrieben. Die Roma zucken unter diesem intensiven, wiederholten Gebrüll nicht mehr zurück.

Aus Prag ohne Liebe

Ohne zu fragen, nähert sich ein Freiwilliger mit einer neonfarbenen Weste dem Lëtzebuerger Journal und sagt mit starkem Akzent: „Wirtschaftsflüchtlinge, keine echten Flüchtlinge.“ Viele mitteleuropäische Länder wie Ungarn und die Tschechische Republik sind voller romafeindlicher Vorurteile und versagen den ukrainischen Roma, die vor dem Krieg fliehen, die Hilfe: Sie stempeln sie als „Sozialschmarotzer“ ab und bereiten ihnen einen viel kälteren Empfang als den „normalen“ ukrainischen Geflüchteten. Solidarität hört also bei der Hautfarbe auf. Unabhängigen Berichten tschechischer und internationaler Nachrichtenagenturen zufolge seien Fälle von Tuberkulose, Hepatitis B und Corona aufgetreten. Feuerwehrleute desinfizieren regelmäßig die Station, einen der wenigen Orte in Tschechien, an denen die Menschen noch Gesichtsmasken tragen. Die in Tschechien ansässigen und von der Tschechischen Republik finanzierten Roma-Institutionen waren nicht bereit, mit dem Lëtzebuerger Journal zu sprechen. „Wir können uns nicht zur tschechischen Politik äußern“, erklärt uns ein Freiwilliger in einer Raucherpause. Hier beginnt, endet und wiederholt sich die Notlage vieler Roma-Geflüchteten. Das Lëtzebuerger Journal besteigt einen Nachtzug auf den Gleisen in Richtung Ukraine über Košice in der Ostslowakei.

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