Autopsie 2.0: Zwischen Leben und Tod

Von Laura TomassiniMike Zenari

Wenn in Luxemburg eine Person auf unerklärliche Weise stirbt, dann landet sie mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem Tisch des „service médico-judiciaire“ im LNS. Das Rechtsmediziner*innen-Team um Dr. Andreas Schuff ist spezialisiert auf die Obduktion von Leichen, kennt allerdings auch die Anatomie von Lebenden in- und auswendig, denn zum Beruf gehört weit mehr, als man denkt.

Wer kennt sie nicht: Die leicht schrulligen, meist mit Spitznamen wie „Ducky“ oder „Bug“ verniedlichten Gerichtsmediziner*innen, die hinterm Autopsie-Tisch Farbpartikel und Hautfetzen unter Fingernägeln herausfischen und mit schwarzem Humor verkünden, wer der*die Täter*in des letzten Mordfalls ist. Doch was seit Anfang der 70er erfolgreich in TV-Krimis dargestellt wird, entspricht so gar nicht dessen, was wirklich im Obduktionssaal geschieht. „Im Film machen Rechtsmediziner quasi alles, von der Zeugenbefragung über die Interpretation von DNA und Toxikologie-Befunden bis hin zur Lösung des Falles. In Wirklichkeit ist das Ganze aber eine große Teamarbeit“, verkündet Martine Schaul, Fachärztin für Rechtsmedizin im „Laboratoire national de santé“ (LNS).

Seit 2017 ist Schaul im dortigen „service médico-judiciaire“ tätig und analysiert alles, was nicht unter die Kategorie „normaler“ oder natürlicher Tode fällt. „Zur Autopsie kommen alle möglichen Fälle. Das können ungeklärte Tode sein, Intoxikationen – Drogentote werden systematisch von uns obduziert –, Suizide, Unfälle im Verkehr oder bei der Arbeit, Tote, die aufgrund von Brand, Fäulnis, oder Zerstückelung nicht mehr erkennbar sind, Personen, die in Gewahrsam oder im öffentlichen Raum gestorben sind oder Fälle, in denen jemand ertrunken ist und analysiert werden muss, ob es sich um einen Unfall oder um Selbstmord handelt.“ Anders als erwartet, stellen Tötungsdelikte nur einen kleinen Prozentsatz der zu analysierenden Fälle dar, denn in Luxemburg ist es vergleichsweise ruhig, insbesondere was z. B. Serienkiller angeht.

Die nötige Distanz

Zum Gebiet der 36-Jährigen gehören allerdings nicht nur Untersuchungen an Leichen, wie es das klassische Bild von Gerichtsmediziner*innen aus Serien wie Tatort, Navy CIS und Co. darstellt, sondern auch an lebenden „Patient*innen“. An ein solches Beispiel erinnert sich die Gerichtsmedizinerin nur ungern zurück, auch wenn die Bilder ihr noch vor Augen schweben, als sei es erst gestern gewesen: „Ich musste einmal eine Studentin untersuchen, die auf dem Heimweg von einem Unbekannten vergewaltigt und misshandelt worden war. Die Arbeit für meine Dokumentation und Spurensuche war sehr intensiv, da ich sie erst dazu bringen musste, sich von mir untersuchen zu lassen.“

Während der Kontakt mit Hinterbliebenen meist dem* zuständigen Bestatter*in obliegt und Gerichtsmediziner*innen so eine gewisse Distanz zu den Betroffenen bewahren können, sind Fälle wie dieser für Schaul besonders markierend, denn sie gehören nicht zum gewohnten Arbeitsalltag: „Wir arbeiten eher auf neutralem Terrain, ohne direkten Bezug zu den Opfern. Manchmal stellt man sich aber Fragen, wenn jemand beispielsweise erst nach langer Zeit gefunden wird, weil der Tod davor nicht aufgefallen war. Dann fragt man sich, was für ein Leben die Person wohl geführt haben mag und weshalb scheinbar niemand sie vermisst hat. Oder bei Autounfällen unter Alkoholeinfluss, wie unnötig der Tod war. Aber das sind Ausnahmen, im Normalfall bekommt man das alles gar nicht so mit.“

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