Wie Sichtbarkeit Fabrice Goffinet Selbstbewusstsein gab

Von Laura TomassiniLex Kleren

Er vernascht Trompe-l'œil-Patisserie mit ASMR-Effekt, wird fürs Stylen seiner Haare bezahlt und gestaltet ganz nebenbei noch krasse Nägel: Fabrice Goffinet ist Luxemburgs erster männlicher Kosmetiker mit DAP-Abschluss und seit einem knappen Jahr erfolgreicher Influencer. Durch seine Haar-Videos mit brasilianischem Sound wurde der 26-Jährige international bekannt. Heute kann er als Selbstständiger von seiner Leidenschaft für Ästhetik leben – auch wenn der Weg dahin nicht immer leicht war.

Im Schlabberlook mit Pantoffeln öffnet Fabrice Goffinet uns die Tür, die kleine Plüsch-Wolke Sky, Fabrices Hund, direkt im Schlepptau. Sein Zuhause in Oberkorn ist auch sein Arbeitsplatz, denn im Erdgeschoss befindet sich Fabrices Nagelsalon, ein Stockwerk darüber entstehen seine millionenfach geklickten Tiktok-Videos. Die Welt des 26-Jährigen ist clean, ästhetisch und irgendwie ungewohnt, denn nicht viele können in Luxemburg vom Influencen leben. Auch für Fabrice blieb dies lange nur ein Traum, bis dann vor einem Jahr ein Post alles veränderte. Mit einem bunten Becher der brasilianischen Haarpflegemarke Skala in der Hand sowie dem Song Treta do Dj Lorran im Hintergrund schaffte der Luxemburger den Durchbruch, denn sein Video ging viral und wurde binnen nur weniger Stunden über drei Millionen mal geklickt. "Durch das Lied entstand ein richtiger Trend und alle haben mein Video nachgemacht und mich getagged und das ist auch der Grund, weshalb mich die Marke irgendwann kontaktierte", so der 26-Jährige.

Ein Jahr später erreicht Fabrice noch immer eine breite Audienz mit seinen Videos – "sobald ich eines mit den bunten Skala-Bechern poste, weiß ich, dass es viral geht", so seine Feststellung. Kein fancy Equipment, keine fette Kamera, nur ein Influencer mit Smartphone und Tiktok zum Editen: Fabrice bedient sich der simpelsten Social Media Register und trifft damit voll den Nerv seiner Follower. Was ihn ausmacht: seine glänzenden Locken, die er mit breitem Grinsen im Gesicht täglich frisiert, der Biss in unzählige Leckerbissen, bei denen einem das Wasser im Mund zusammenläuft sowie die Tanz-Videos mit seiner Familie, denn ohne die "Fam" wäre Fabrice heute nicht da, wo er ist. "Meine Eltern sind meine größte Unterstützung. Sie waren immer für mich da und ich musste mich nie erklären", so der gelernte Kosmetiker. Schon als Kind war Fabrice anders als sein Zwillingsbruder: wollte dieser ein Spielzeugauto, wollte Fabrice eine Barbie; traf sich dieser mit Freunden zum Spielen, schlüpfte Fabrice in Mädchenkleider.

Durch Selbstakzeptanz zum Fame

"Ich habe mich schon immer für Pflege und alle möglichen schönen Dinge interessiert, deshalb war es auch für niemanden ein Schock, als ich Kosmetiker werden wollte. Es war entweder das oder Frisör." Dass Zuhause alles easy war, bedeutete aber nicht, dass Fabrice nicht auf Hürden stieß, denn nicht alle waren seiner Homosexualität und seinem Berufswunsch so gut gesinnt, wie seine Familie. "Ich wurde früher viel gemobbt, weil ich schwul bin. Als ich noch nicht die Visibilität hatte, wie ich sie heute habe, haben auch viele mit 'gay' oder 'Scheiß Schwuchtel' unter meinen Videos kommentiert oder mir auf der Straße hinterhergerufen. Heute ist das anders", so der 26-Jährige. Er erinnert sich noch gut an die Arbeit in einem Salon direkt neben dem Düdelinger Lycée Nic-Biever, das große Fenster dort, an dem in der Mittagspause Schüler*innen vorbeigingen und homophobe Bemerkungen hineinriefen. "Als ich dann auf Tiktok bekannt wurde, wurden aus den Beleidigungen plötzlich Kommentare à la 'Fabrice King'."

Von ganz schlimm hin zu ganz gut, so bezeichnet Fabrice seinen Weg. Von Herzrasen und Panikattacken, die ihn krank machten, Arztbesuchen für Beruhigungsmittel und Suizidgedanken zu Bemerkungen, die ihn heute kalt lassen – "Fabrice musste einfach nur lernen, sich selbst zu akzeptieren", sagt er über sich selbst. Heute wacht der Influencer nicht mehr nachts auf, um mit mulmigem Gefühl Kommentare zu lesen, sondern blendet diese aus und freut sich über den vielen Zuspruch, den er online, aber auch im richtigen Leben erhält. Klar, die Privatnachrichten mit "nasty" Aussagen sind immer noch da, doch Fabrices Content knackt regelmäßig die Millionen-Views-Grenze, der Luxemburger wird auf der Straße erkannt und Tausende Menschen weltweit schreiben ihm, um Haartipps zu erhalten. "Sogar Jason Derulo hat mich mal in seiner Story erwähnt, wie viele können das schon sagen", meint der 26-Jährige.

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