Das Treffen, das mein Leben auf den Kopf stellte (Retro 11/12)

Von Lynn Warken

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Die Journal-Redaktion blickt auf 2021 zurück - Lynn Warken ist dran. Die vergangenen zwölf Monate waren aufregend, herausfordernd und bereichernd und bedeuten gleichzeitig unseren ersten, digitalen Geburtstag. Zu diesem Anlass hat sich jedes Teammitglied den Beitrag ausgesucht, dessen Recherche oder Produktion sie oder ihn 2021 am meisten geprägt hat.

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Nachdem ich jahrelang aus beruflichen und privaten Gründen zwischen Deutschland und Luxemburg pendelte, war es im Jahr 2020 ein offenes Geheimnis, meinen Lebensmittelpunkt nach Deutschland zu verlagern, dafür gab es damals konkrete Pläne. Die Koffer waren schon gepackt, als mir Daniel Nepgen im Sommer 2020 folgende Nachricht schrieb: „Ech wollt dech invitéiere fir e Patt huelen ze goen. Et geet ëm eppes Beruffleches, en neie Projet vun deem ech dir wéilt zielen“ („Ich wollte dich einladen, etwas zusammen trinken zu gehen. Es geht um etwas Berufliches, ein Projekt, von dem ich dir erzählen will“).

Obwohl ich mir damals sicher war, dass ich Luxemburg verlassen werde, habe ich dem Treffen zugestimmt, ich war neugierig.

Der „Patt“ an diesem besagten Abend sollte alle meine Pläne für die nächsten Jahre über Bord werfen.

Nach einer kurzen Bedenkzeit habe ich unter einer Voraussetzung zugesagt: Das Lëtzebuerger Journal muss radikal verändert werden.

Eine ehemalige Printzeitung haben wir in ein mehrsprachiges multimediales Magazin verwandelt. Multimedial bedeutet, dass wir neben den geschriebenen Artikel auch Audio- und Videocontent produzieren und veröffentlichen. Im Idealfall kombinieren wir alles miteinander. Eine Geschichte kann mehr als nur aufgeschrieben werden. Sie kann mit qualitativ hochwertigen Fotostrecken, Audioschnipseln aus einem Interview und einem kurzen Video erzählt – und somit noch viel persönlicher, emotionaler und authentischer gestaltet werden. Wir setzen uns keine kreativen Grenzen und Sätze wie „Ach, für luxemburgische Verhältnisse ist das schon ganz gut“ waren tabu. Aus qualitativer Sicht können und wollen wir mit dem Ausland mithalten.

„Der ‚Patt‘ an diesem besagten Abend sollte alle meine Pläne für die nächsten Jahre über Bord werfen.“

Ein weiteres Anliegen war mir, Ideen und Konzepte frei ausprobieren zu können. In dem Rahmen habe ich das Playlist-Format Hannert der Fassad entwickelt. Ein Interview aus Talk und Musik. Anhand einer Playlist erzählen die Gäst*innen ihren Lebensweg. Das Besondere hierbei, die Zuhörer*innen hören nicht nur die Anekdoten zu diesen Liedern, nach jeder Anekdote wird der Song auch abgespielt. Es fühlt sich ein bisschen an wie Radiohören.

Philip Crowther war einer meiner Gäst*innen. Erst im Dezember 2021 wurde der polyglotte Journalist von der „Association and Club of Foreign Press Correspondents“ mit dem Preis für „professional excellence“ ausgezeichnet. Aber was ist dieser sprachlich hochbegabte Journalist für ein Mensch? Das wollte ich genauer wissen und hatte ihn eingeladen.

Crowthers Soundtrack war sehr ehrlich und emotional. Die 12 Lieder erzählen seine Lebensgeschichte. In Luxemburg in einem deutsch-britischen Haushalt aufgewachsen, erzählt er über seine Beziehung zu den Beatles und wie die Band Oasis ihm bei seiner späteren Identitätsfindung geholfen hat. Neben der Band Radiohead, die ihn schon sein ganzes Leben begleitet, spricht Philip unter anderem über seine Zeit in Barcelona, London, Uruguay und den USA. Frank Sinatra verbindet er mit seinem Hochzeitstanz und Manu Chao steht stellvertretend für seine Passion Fußball.

Das Lëtzebuerger Journal legt großen Wert darauf, die Menschen und ihre Geschichten in den Fokus zu stellen. Hannert der Fassad ist ein sehr intimes Format. Die Gäst*innen bringen ihre Lieblingssongs mit, erzählen, warum sie diese Auswahl getroffen haben und welche Rolle die Lieder in ihrem Leben spielen. Das Interview gibt den Gäst*innen Raum über sich und ihr Leben zu erzählen und ermöglicht es so den Zuhörer*innen, den Menschen auf eine andere weise kennenzulernen.